"Autofahren muss das neue Rauchen sein" – Seite 1

Mikael Colville-Andersen ist ein kanadisch-dänischer Stadtplaner und Experte für urbane Mobilität. Er arbeitet weltweit mit Regierungen zusammen und berät sie zu Fragen der fahrradfreundlichen Stadt der Zukunft. Wie sieht seine Vision einer Stadt aus?

ZEIT ONLINE: Herr Colville-Andersen, Sie vertreten die These, dass die Mobilität der Zukunft auf der alten Erfindung des Fahrrads beruht. Sie wollen also eine Welt ohne Autos?

Mikael Colville-Andersen ist ein kanadisch-dänischer Stadtplaner und Experte für urbane Mobilität. 2018 ist sein Buch "Copenhagenize: The Definitive Guide to Global Bicycle Urbanism" erschienen. © Rui-Camilo.de

Mikael Colville-Andersen: Auch in Zukunft wird es Autos auf unseren Straßen geben. Ich bin nicht Anti-Auto, sondern Pro-Stadt. Ich bin aber der Meinung, dass wir zu viele Autos in unseren Städten haben. Wir haben seit den Siebzigern versucht, so viele Autos in die Stadt zu bekommen wie nur möglich. Das Resultat sehen wir heute. Wir sollten stattdessen anfangen, die Dinge zu nutzen, die wir bereits erfunden haben: öffentlicher Nahverkehr, Fahrräder, Fußgängerwege.

ZEIT ONLINE: Sie wollen nicht Anti-Auto sein, Sie fordern aber, dass man Autos mit Warnhinweisen wie auf Zigarettenpackungen ausstattet. Klingt so nicht ein radikaler Autogegner?

Colville-Andersen: Ich finde das gar nicht radikal. Klar, das klingt nach einer verrückten Idee. Einer meiner Freunde ist Arzt und hat sich die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen angesehen und festgestellt, dass man die genauso auf Autos kleben könnte. Stellen Sie sich mal vor, was dann los wäre. Was wäre, wenn ab Montag alle Autos mit Warnhinweisen fahren müssten? Das würde die Wahrnehmung des Autos komplett verändern. Dann würden wir vielleicht bemerken, dass in Europa jährlich 35.000 Menschen durch Autos sterben. Dazu kommt die Luftverschmutzung, die Lärmbelastung. Ich finde, da sind Warnhinweise angemessen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen also Autoscham erzeugen?

Colville-Andersen: Unbedingt! Ironischerweise ist der Begriff der Flugscham vor allem in Schweden und Deutschland präsent, beides Länder mit einer starken Automobilindustrie. Wenn ich mir aber die Zahlen anschaue, tragen Flugzeuge nur zwei Prozent zum Ausstoß von CO2 bei, der Straßentransport um ein Vielfaches mehr. Dass wir uns in der Klimadebatte auf Flugzeuge fokussieren, ist doch idiotisch. Autofahren muss das neue Rauchen sein. Mich wundert, dass diese tolle junge Bewegung das noch nicht so richtig für sich entdeckt hat. Vielleicht liegt das eben an der starken Industrie.

ZEIT ONLINE: Ist also die Autolobby schuld daran, dass es nicht genügend Fahrradwege gibt?

Colville-Andersen: Dafür gibt es keinen Beweis, aber sicher hat das einen Einfluss. Andererseits darf das auch keine Ausrede sein. Japan ist nach den Niederlanden und Dänemark die drittgrößte Fahrradnation der Welt – obwohl das Land einen großen Automobilmarkt hat. Es ist durchaus möglich, Fahrräder in Autoländern zu etablieren. In den Zwanzigerjahren war Kopenhagen auch noch eng mit der Autoindustrie verknüpft. Viele Renaults und Fords wurden hier montiert. Trotzdem war Kopenhagen schon immer die fahrradfreundlichste Stadt der Welt. 63 Prozent der Kopenhagener nutzen das Fahrrad. 

ZEIT ONLINE: Warum fahren die Kopenhagener lieber Fahrrad als die Berlinerinnen?

Colville-Andersen: Die Motivation ist eine ganz andere. In Deutschland und interessanterweise den USA herrscht immer noch das Bild vor, dass man Fahrrad fährt, um sich selbst etwas Gutes zu tun und ein bisschen die Welt zu retten. Damit kann man aber nur wenige überzeugen, wenn man sich das menschliche Gehirn und die Transportpsychologie ansieht. Was die Menschen zum Fahrradfahren animiert ist das, was jeder Homo sapiens möchte: schnell von A nach B zu kommen. Eine Stadt muss also so organisiert sein, dass Fahrradfahren nicht die gesündeste oder grünste, sondern die schnellste Alternative ist.

ZEIT ONLINE: Wie erreicht man das?

Colville-Andersen: Indem man Platz schafft, Wege ausbaut, Anreize setzt. Auf lokaler Ebene geschieht das schon an vielen Stellen. Und es wird für Bürgermeister immer peinlicher, wenn sie nicht handeln. In Oslo haben sie in den vergangenen vier Jahren 7.000 Parkplätze entfernt und ein autofreies Stadtzentrum geschaffen. Auch in Paris gibt es viel mehr autofreie Zonen als früher. Überall entstehen Bürgerbewegungen, die genau das fordern.

"Wir sollten nicht auf die großen Klimakonferenzen warten"

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig wollen dieselben Menschen, dass ihre Bestellung innerhalb einer Stunde geliefert wird. Müssen wir uns davon verabschieden?

Colville-Andersen: Auf keinen Fall. Ich habe sechs Jahre lang bei einem Unternehmen gearbeitet, das dazu Pilotprojekte organisiert hat. 51 Prozent aller Güter, die in europäischen Städten transportiert werden, können mit Fahrrädern oder Lastenrädern bewegt werden. Worüber wir hier reden, geschieht längst. In mehr als 80 Städten werden Pakete auf den letzten Kilometern mit Lastenrädern ausgeliefert. In Barcelona gibt es sogar eine eigens geschaffene Zone, in der alle Pakete gesammelt und auf Lastenräder verteilt werden.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen davon, dass damit der Klimawandel bekämpft werden könnte.

Colville-Andersen: Städte sind der Schlüssel, um den Klimawandel zu bekämpfen. Wir sollten nicht auf die großen Klimakonferenzen warten. Wir können unsere Städte viel schneller transformieren als die ganzen Abkommen. Wenn wir durch eine kluge Infrastruktur in einem Jahr die Hälfte aller Autos aus Berlin bekommen, haben wir viel mehr für das Klima getan.

ZEIT ONLINE: Wenn wir das umsetzen, werden viele der 700.000 in der deutschen Autoindustrie Beschäftigten ihren Job verlieren. Wollen sie das?

Colville-Andersen: Wenn wir wirklich Menschenleben retten wollen, müssen wir einen Weg finden, damit umzugehen. Gesellschaften verändern sich. In den Zwanzigern hat niemand in der Autoindustrie gearbeitet. Wir haben die industrielle Revolution erlebt, davor die Revolution der Landwirtschaft. Warum sollten wir das nicht schaffen? Uns muss nur bewusst werden, dass Fahrradfahren für uns alle das beste Geschäftsmodell ist.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Colville-Andersen: Studien zeigen, dass, wer einen Kilometer Fahrrad fährt, dem Staat 23 Cent erspart. Der Mensch lebt länger und gesünder, er hat also weniger Ausfalltage und belastet die Krankenkassen nicht. Ein Kilometer Autofahren kostet hingegen 87 Cent. Denn Autofahren ist schlecht für die Umwelt, verschmutzt unsere Städte und kann Menschenleben beenden.

ZEIT ONLINE: Wenn ich weder das eine noch das andere mag, kann ich jetzt auch E-Roller fahren. 

Colville-Andersen: Um Himmels Willen, bitte nicht. Diese E-Roller sind das beste Beispiel dafür, wie Firmen aus Silicon Valley angeblich Probleme lösen, aber mehrere neue schaffen und dabei auch noch viel Geld verdienen. Die zuzulassen, war das Dümmste, was wir in der jüngsten Geschichte der Mobilität getan haben. Man muss sich nur mal die hohen Unfallzahlen ansehen.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht besser, wenn die Leute klimaschonende E-Roller fahren, als mit dem Auto die Stadt zu verpesten? Ich dachte, sie befürworten Alternativen zum Auto.

Colville-Andersen: Diese E-Roller sind ein dummes Fahrzeug für faule Fußgänger. Niemand verlässt dafür sein Auto. Das sind Spielzeuge, die überhaupt keine Vorteile für unsere Gesundheit haben. Übrigens ist ihre Umweltbilanz katastrophal. Sie werden im Schnitt nur 26 Tage alt, bis sie Schrott sind.

ZEIT ONLINE: Also sollte man sie verbieten?

Colville-Andersen: Ja, ich sehe ihren Sinn nicht. Es gibt ja ohnehin schon die klassischen Roller, für die man einen Führerschein braucht. Warum gibt es jetzt die gefährlichen kleinen Roller? Wenn man sich den Zustand mancher Straßen und die Geschwindigkeit der Roller ansieht, wird einem schlecht. Die Stadt der Zukunft kommt gut ohne sie aus.