Ein Tag Verkehr in Berlin, visualisiert mit TomTom-Daten. © TomTom/ZEIT ONLINE

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Wenn möglich, bitte wenden" zu Mobilität aus unserem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Heiko Schilling denkt seit Langem über Staus nach. Schon in seiner Dissertation, die er in den Nullerjahren schrieb, beschäftigte er sich mit der Frage, wie Staus verschwinden könnten. In den Achtziger- und Neunzigerjahren gründete er mehrere Startups (unter anderem 1989 ein System für den Onlinebuchhandel).  Seit 2007 arbeitet er für die niederländische Navigationsfirma TomTom und ist dort verantwortlich für Software und Daten. Schilling ist in Berlin geboren, was man noch immer hört, wenn er spricht. Während des Interviews im Firmensitz am Berliner Spreeufer springt Schilling immer wieder auf und malt Zahlen und Formeln an eine Tafel. 

ZEIT ONLINE: Herr Schilling, wir würden gerne mit Ihnen darüber sprechen, warum es im Jahr 2019 noch immer so etwas Profanes gibt wie Stau.

Heiko Schilling: Eine große Frage. Ob Sie es glauben oder nicht: Die Frage, wie wir eines Tages den Stau ganz abschaffen könnten, motiviert mich jeden Tag ins Büro zu gehen. 

ZEIT ONLINE: Ginge das denn: Alle Staus abschaffen?

Schilling: Das ginge, klar. Und zwar schon heute. Als Mathematiker kann ich das beweisen: Wenn einige Bedingungen erfüllt wären, müsste niemand mehr im Stau stehen.

ZEIT ONLINE: Auch auf Autobahnen nicht?

Schilling: Auch dort nicht.

ZEIT ONLINE: Was müsste dafür geschehen?

Schilling: Die Menschen müssten zuallererst aufhören, nach Gefühl oder Wissen zu fahren. Stattdessen sollten sie auf ihr Navigationsgerät hören. Auch wenn es heute so scheint, als ob jeder sich von einem Navi leiten lässt, liegt die Zahl der connected drivers – so nennen wir Fahrer mit Navigation – weltweit bei unter 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent der Fahrer erzeugen ein Phänomen, das wir anarchy in the network nennen – Anarchie im System. Je mehr Menschen ohne Navigationsgerät fahren, desto schwerer ist es, Stau abzuschaffen. 

ZEIT ONLINE: Dass ein Manager eines Navigationsgeräteherstellers für mehr Navigationsgeräte wirbt, ist jetzt nicht so überraschend.

Schilling: Sie haben gefragt, wie man Staus vermeiden kann. Und eine Antwort lautet: Indem wir Verkehrsdaten und Navigationssoftware dazu nutzen, die Ströme an Verkehr zu steuern. Das wird auch deshalb nötig sein, weil unsere Daten zeigen, dass der Verkehr auf der Welt täglich zunimmt. 

ZEIT ONLINE: Ihr Unternehmen behauptet, den weltweit größten geschlossenen Datensatz über Autoverkehr zu besitzen. Weiß Google nicht längst mehr?

Schilling: Für Fußgänger, Fahrradfahrer, auch für den öffentlichen Nahverkehr mag das stimmen. Nicht aber für Autos. Da haben wir die größte Gemeinschaft an Nutzern, rund 600 Millionen weltweit, etwa 30 Prozent aller Fahrer weltweit. 

ZEIT ONLINE: Ihr Unternehmen verkauft Karten an Firmen wie Apple, die diese auf dem iPhone einsetzen, aber auch an Autofirmen wie Daimler, VW oder Renault. Über diese Partner generieren Sie millionenfach Informationen über den weltweiten Verkehr. Welche Daten besitzen Sie genau?

Schilling: Jeder einzelne Datenpunkt ist simpel strukturiert: Wir sehen eine GPS-Koordinate und einen Zeitstempel. Mehr nicht. Und natürlich sind die Datenpunkte anonym: Wir sehen nicht, wer fährt, sondern nur, dass jemand fährt. Allerdings bekommen wir von diesen anonymen Daten sehr viele, und zwar jeden Tag, seit 2006, lange bevor die meisten Menschen Smartphones hatten. Und da wird es interessant.

ZEIT ONLINE: Weil sich aus all den Einzeldaten ein Gesamtbild des Verkehrs ergibt?

Schilling: Genau. In Europa stammen fast 90 Prozent aller Verkehrsdaten, die in Autos verwendet werden, von TomTom. Schauen Sie hier... (Schilling klickt sich durch ein Programm, auf seinem Monitor erscheint eine Verkehrskarte von Berlin.)  Das ist der Verkehr in Berlin in Echtzeit. Im Moment gibt es einen kleinen Stau in der Nähe des Plänterwaldes und auf der Beeskower Allee. Was Sie hier sehen, sehen wir für fast jeden Ort der Welt.

Der Mathematiker und TomTom-Manager Heiko Schilling. Im Hintergrund: Der Verkehr von Amsterdam. © Simon Lenskens für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wenn Sie täglich auf diese Karten schauen: Was denken Sie über unseren Autoverkehr?

Schilling: Er wird mehr, vor allem in den Städten. Das denke ich nicht nur, ich kann es messen. Wir erstellen seit einigen Jahren anhand unserer Daten ein Städte-Ranking, das zeigt, wie sich der Verkehr in 400 Städten auf der Erde entwickelt. Da gibt es Städte wie Mumbai in Indien, wo jede Wegstrecke im Durchschnitt 65 Prozent länger dauert, weil die Menschen im Verkehr feststecken.

ZEIT ONLINE: Für eine Strecke, die normalerweise 40 Minuten dauert, benötigt man also im Schnitt mehr als eine Stunde.

Schilling: Ja, in Mumbai gibt es nur noch wenige Stunden früh am Morgen, an denen es keinen Stau gibt. Das ist eine Stadt, über die ich sagen würde: Die ist dicht.

ZEIT ONLINE: Wieso wächst der Verkehr so stark?

Schilling: Es gibt derzeit zwei Haupttreiber. Der eine ist das Wachstum in den Tigerstaaten, in Südkorea, China, Singapur. Ein Viertel aller Fahrzeuge wird dort neu zugelassen. Ein anderer Haupttreiber ist E-Commerce, also die Tatsache, dass sich Menschen immer mehr Dinge liefern lassen. 

ZEIT ONLINE: Und das führt zu mehr Autos?

Schilling: Ja. Zwei Milliarden Menschen auf der Welt fahren Autos. Für diese zwei Milliarden gibt es 1,2 Milliarden Fahrzeuge. Zu diesen 1,2 Milliarden kommen derzeit jedes Jahr rund 100 Millionen neue Autos hinzu. Das ist ein Wachstum von mehr als acht Prozent. Jedes Jahr. Allerdings werden jährlich auch einige Millionen Autos verschrottet. 

ZEIT ONLINE: Und in Deutschland?

Schilling: Wächst die Zahl der Autos auch, wenngleich nicht so schnell. Im vergangenen Jahr um rund eine Million.