ZEIT ONLINE: Finden Sie es redlich von der Politik, dass so getan wird, als ob ein Elektroauto auch dann klimaneutral ist, wenn es mit Braunkohle angetrieben wird?

Blume: Die Energiewende braucht Zeit. Und wir stehen noch ganz am Anfang. Wichtig ist ein klares Programm dahinter. Wir in der Automobilindustrie können die Notwendigkeit unterstützen.

ZEIT ONLINE: Begibt man sich damit nicht auf einen bereits bekannten gefährlichen Pfad? Es wird den Verbrauchern vorgegaukelt, ein Sportwagen mit umgerechnet 600 PS schütze das Klima.

Blume: In der Nutzung ist das Fahrzeug schon heute deutlich sauberer als jeder Verbrenner. Und auch wenn man die gesamte Prozesskette betrachtet – von der Energiegewinnung über den Energieeinsatz bei der Produktion der Batterien bis hin zum Tanken von Ökostrom – sind Elektrofahrzeuge in der Ökobilanz bereits etwa um die Hälfte besser als Vergleichsfahrzeuge mit fossilen Brennstoffen. Dabei stehen sie erst am Anfang der Entwicklung. Da gibt es noch viel Potenzial.

ZEIT ONLINE: Das erinnert doch ein bisschen an die Debatte um die Stickoxidwerte von Dieselautos, die im Labor super sind, aber auf der Straße eine Katastrophe.

Blume: Das kann man so nicht sagen. Elektrofahrzeuge fahren lokal emissionsfrei. Solange wir noch konventionelle Energiequellen nutzen, werden die Emissionen jedoch verlagert: an die Orte, wo der Strom erzeugt wird. Doch mit dem fortschreitenden Ausbau der Ladeinfrastruktur muss es unser Ziel sein, 100 Prozent nachhaltigen Strom einzusetzen. Mit unseren eigenen Initiativen zum Laden arbeiten wir bereits in diese Richtung.

ZEIT ONLINE: Allein für die Produktion der Batteriekapazität werden Schätzungen zufolge über 13.000 Kilogramm CO2 aufgewendet. Das entspricht 40.000 Dieselkilometern im Porsche Panamera.

Blume: Das wird sich ändern. Die 40.000 Kilometer sind ein Bruchteil der Laufleistung und ein guter erster Schritt. Verbrennungsmotoren haben sich 100 Jahre lang entwickelt. Reine E-Motoren entwickeln wir bei Porsche seit vier Jahren.

ZEIT ONLINE: Kommen Sie mit dem Porsche Taycan von Stuttgart in Ihre Heimat nach Braunschweig?

Blume: Mit Sicherheit. Mit dem europäischen Schnellladenetz Ionity, das Porsche initiiert und mit Partnern umgesetzt hat, bieten wir etwa alle 100 Kilometer eine Lademöglichkeit. Die Reichweite des Taycan beträgt im neuen Zyklus WLTP 450 Kilometer. Über das Fahrzeug finde ich die passende Ladestation, stelle mich ungefähr zehn Minuten an die Säule, trinke einen Kaffee und habe wieder bis zu 200 Kilometer Reichweite geladen.

ZEIT ONLINE: Was kostet Porsche der Umbau vom Verbrenner zum Elektroauto?

Blume: Die Materialkosten liegen bei einem E-Fahrzeug rund 10.000 Euro höher. 80 Prozent dieser Mehrkosten entfallen auf die Batterie. Wobei wir davon ausgehen können, dass sich diese Kosten durch Skaleneffekte reduzieren, wenn der Bedarf an Batterien in weiterer Zukunft steigt. Hinzu kommen hohe Investitionen in die neue Technologie. Wir elektrifizieren ja auch noch andere Modelle. Insgesamt investieren wir bis zum Jahr 2022 sechs Milliarden Euro in die Elektromobilität. Damit haben wir anfangs etwas geringere Renditen bei diesen Fahrzeugen. Aber an unserem Renditeziel von 15 Prozent halten wir fest.

ZEIT ONLINE: Kann der Großaktionär und Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche ruhig schlafen?

Blume: Er hat Vertrauen in unsere Arbeit und zeigt großes Interesse daran, wie wir das Unternehmen wirtschaftlich steuern. Für das nächste Jahrzehnt sind wir gut aufgestellt.

ZEIT ONLINE: Welchen Preis zahlen die Bandarbeiter?

Blume: Auch sie haben einen Beitrag geleistet, damit wir die Taycan-Fabrik in Stuttgart-Zuffenhausen bauen und so unser Stammwerk fit machen konnten für die E-Mobilität. Vom Vorstand angefangen, zahlen alle Mitarbeiter einen sogenannten Zukunftsbeitrag ein – Führungskräfte 0,5 Prozent, alle anderen Arbeitnehmer 0,25 Prozent ihrer Gehaltserhöhung. Rechnet es sich, erhalten alle Tarifbeschäftigten das Geld verzinst zurück. Dieses Projekt, das wir gemeinsam mit den Arbeitnehmern entwickelt haben, ist einmalig in der Automobilindustrie. Und wir spüren, dass alle Mitarbeiter hier in Zuffenhausen begeistert daran mitarbeiten.