Können Straßen aus Plastik unser Entsorgungsproblem lösen? – Seite 1

Plastik sammeln und in Straßen verbauen – das ist die Idee von mehreren Unternehmen, die dazu beitragen wollen, das weltweite Plastikmüllproblem zu lösen. Ein solches Projekt ist die sogenannte Plastic Road, die die niederländische Straßenbaufirma KWS mit mehreren Partnern gebaut hat: Ein Stück Fahrradweg von 30 Metern Länge in der niederländischen Provinzhauptstadt Zwolle. Der Streckenabschnitt enthalte soviel recyceltes Plastik wie 218.000 Plastikbecher oder 500.000 Plastikschraubdeckel, heißt es auf der Website

Auch die weiteren Kennzahlen lesen sich vielversprechend: Die Initiatoren versprechen eine dreimal so hohe Lebensdauer wie die herkömmlicher Straßen. Man brauche weniger schwere Maschinen, um die Straßen zu bauen, heißt es, die ökologischen Folgen seien daher kleiner. Und der Bau folge dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Die Straße lasse sich recyceln, aus dem Belag also wieder eine Straße bauen. 

Die Plastic Road ist nicht das einzige Projekt, bei dem Plastik im Straßenbau eingesetzt wird. Das britische Verkehrsministerium hat der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands Anfang des Jahres 1,6 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt, um den Einsatz von Recyclingplastik bei der Reparatur von Straßen zu testen. Und in Teilen von Indien ist es schon seit Ende 2015 Pflicht, Recyclingplastik im Straßenbau zu nutzen.

Angesichts des weltweiten Plastikmüllproblems klingt die Idee verlockend. Doch wie sinnvoll ist es wirklich, sämtlichen Plastikmüll einfach in Straßen zu verbauen?

Landet das Plastik in der Umwelt?

Fachleute befürchten, dass sich das Plastikmaterial von den Straßen in der Umwelt verteilt. Wenn Plastik im Straßenbau eingesetzt wird, "ist das ein großflächiger Einsatz von Kunststoffen in der Umwelt", sagt Franziska Krüger vom Umweltbundesamt. "Durch Abrieb und Alterungsprozesse können kleinere Kunststoffteile direkt in die Umwelt. Dieses Mikroplastik könne das Ökosystem langfristig belasten. 

Toby McCartney ist einer der Gründer der britischen Firma MacRebur. Sie hat ein Verfahren entwickelt, das in Cumbria in Englands Nordwesten getestet wird: Nicht die ganze Straße wird aus Plastik gebaut, sondern Plastik ersetzt einen kleinen Teil des Bitumens – jenes zähen Bindemittels, das man von Asphaltstraßen kennt. Er widerspricht den Befürchtungen des Umweltbundesamtes: "Unser Plastik wird auf 180 Grad erhitzt", sagte McCartney dem Sender CNN, "es vermischt sich dann vollständig mit dem restlichen Bitumen in der Straße, sodass es kein Mikroplastik in unseren Straßen gibt." 

Der Chemie-Professor Rajagopalan Vasudevan hat vor fast zwanzig Jahren das Verfahren entwickelt, das in Indien genutzt wird. Auch er ersetzte einen Teil des Bitumens durch Plastik, ähnlich dem Verfahren des Briten McCartney. Vasudevan erhielt 2018 den Padma Shri Award, eine der höchsten Auszeichnungen in Indien, für seine Forschung. Er zerstreut die Befürchtung, dass die Plastikstraßen die Luft belasten. Da sich Plastik erst bei einer Temperatur von 270 Grad zersetze, bestehe keine Gefahr, dass giftige Gase entweichen könnten, sagte Vasudevan dem Guardian.

Im Straßenbau muss man in langen Zeitspannen denken

Ein Problem all dieser Einschätzungen ist, dass die Technologie noch nicht lange existiert: Das britische Unternehmen MacRebur wurde im April 2016 gegründet. Langfristige Testergebnisse für seine Straßen gibt es also nicht. Der Inder Vasudevan ließ die erste Straße mit recyceltem Plastik 2002 bauen. Laut Guardian ist sie bis heute ohne Schäden. Doch 17 Jahre sind für eine Straße keine so lange Zeit. "In der Regel sollte eine Straße mindestens 30 Jahre halten", sagt Tommy Mielke vom Institut für Materialwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. 

Das Unternehmen KWS hat seinen 30-Meter-Radwegabschnitt von Zwolle daher zum Testobjekt gemacht, ebenso einen im November letzten Jahres fertiggestellten Radweg in Giethoorn. Die beiden Strecken sollen zunächst über fünf Jahre beobachtet werden. Mit den Erkenntnissen will das Unternehmen seine Technik zur Marktreife weiterentwickeln, wie es auf der Website heißt.

Qualitativ hochwertiges Plastik fehlt

Der Materialwissenschaftler Mielke hält jahrelange Belastungstests für erforderlich, bevor man weiß, ob das Material für den Masseneinsatz tauglich ist. Und im Falle des Tests in den Niederlanden: "Selbst wenn die Fahrradwege halten, heißt das noch nicht, dass das Material auch für Stadt- oder Landstraßen geeignet ist, auf denen Schwerverkehr fährt." Denn die Belastung wäre dann deutlich höher.

Und Mielke weist noch auf eine weitere Unsicherheit hin: Asphalt wird üblicherweise recycelt. Nach Angaben des deutschen Asphaltverbands lassen sich 80 Prozent des ausgebauten Belags wiederverwenden. "Man müsste erst einmal erforschen, ob man den Asphalt noch genauso gut recyceln kann, wenn ein Teil des Bitumens durch Plastik ersetzt wird."

Das Problem sind nicht die Verwertungswege – sondern das Sammeln

Ein dritter kritischer Punkt betrifft die Frage nach dem Materialkreislauf. Das Umweltbundesamt bezweifelt, ob es sinnvoll ist, Plastik in Straßen zu verbauen – auch wenn das gefahrlos und wiederverwertbar wäre? "Recyceltes Plastik sollte am besten Plastik aus Neumaterial ersetzen", sagt Franziska Krüger. Ziel sollte nicht sein, "auf Teufel komm raus" recyceltes Plastik in Produkten einzusetzen, die bisher aus anderen Materialien hergestellt wurden.  

Außerdem gibt es bereits viele Möglichkeiten, Plastik zu recyceln, statt es im Straßenbelag zu verbauen. Christina Dornack, Professorin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der Technischen Universität Dresden, sagt: "Uns fehlen keine Verwertungswege, sondern qualitativ hochwertiges Plastik, das wir einsetzen können." Nicht jedes Plastik sei gleich gut zu recyceln. "Sobald andere Stoffe dazukommen oder die Verpackung aus mehreren Kunststoffsorten besteht, verschlechtern sich die Eigenschaften des daraus gewonnen Rezyklats." Das Material sei dann nicht mehr so gut, um hochwertige Kunststoffprodukte daraus zu fertigen. Plastik, das man sehr gut recyceln kann, wird schon heute zum großen Teil wiederverwertet. "Bei Monoplastik, wie PET, liegt die Recyclingquote bei über 90 Prozent, bei Mischprodukten deutlich darunter", sagt Dornack.

Der indische Forscher Vasudevan verwendet für das Plastikgemisch seiner Straßen Abfälle aus Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol, wie er auf seiner Website schreibt. Interessant wäre seine Technik besonders dann, wenn sich Plastik nutzen ließe, das sich bisher schlecht recyceln lässt. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt lassen sich diese drei Stoffe aber gut recyceln, wenn sie sauber getrennt sind. Und es gibt zahlreiche Anwendungsgebiete: Polystyrol wird etwa bei der Produktion von Möbeln, Kleiderbügeln oder Klappkisten wiederverwertet und aus recyceltem Polyethylen lassen sich Folien, Müllsäcke oder Mülltonnen herstellen. Der effektivste Weg, das Plastikproblem zu lösen, bleibt wohl weiterhin, weniger Plastik zu verbrauchen.