Für den Schwerpunkt "Wenn möglich, bitte wenden" zu Mobilität hat ZEIT ONLINE Menschen in der Stadt und auf dem Land gebeten, ihre Bewegungen mitzuschneiden. Der Verkehrsforscher Robert Follmer leitet beim Institut infas die Abteilung Mobilitäts- und Regionalforschung. Er verantwortet auch die Studie "Mobilität in Deutschland", eine der größten Untersuchungen darüber, wie sich Menschen in Deutschland fortbewegen.

ZEIT ONLINE: Herr Follmer, wir haben fünf sehr unterschiedliche Menschen gebeten, eine Woche lang ihre Bewegungen aufzuzeichnen. Heraus kamen erstaunlich monotone Routen. Überrascht Sie das?

Robert Follmer: Eher nicht.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Follmer: Weil es sich mit unserer Forschung deckt. Im Schnitt legen Menschen in Deutschland nicht mehr als drei bis vier Wege am Tag zurück, im Mittel brauchen sie dafür rund 90 Minuten. Das ist seit Jahrzehnten so und in den meisten Ländern der Welt ähnlich. Man kann fast von einer anthropologischen Konstante sprechen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Der Verkehrsforscher Robert Follmer, Leiter der Studie "Mobilität in Deutschland"

Follmer: Jeder Mensch will nur eine gewisse Menge Zeit für Mobilität investieren. Natürlich gibt es ein paar Mobilitätsjunkies, die mehr unterwegs sind. Aber die meisten sind so gestrickt, dass es ihnen an die Substanz geht, wenn die 90 Minuten dauerhaft überschritten werden. Wir wollen in der Regel gar nicht mehr unterwegs sein.

ZEIT ONLINE: Welche Faktoren bestimmen denn, wie wir uns im Alltag bewegen?

Follmer: In der Regel Routinen. Mobilität ist ja keine Hauptsache im Leben, sondern eine Nebensache. Wir wollen unserem Leben nachgehen und dabei möglichst einfach vorwärtskommen. Deshalb hält sich auch die Euphorie in Grenzen, wenn man Menschen dazu auffordert, ständig zwischen Verkehrsmitteln zu wechseln oder per App ihren Mobilitätsalltag zu planen. Niemand will sich ständig damit beschäftigen, wie man von A nach B kommt. 

ZEIT ONLINE: Was uns beim Blick auf die Daten ebenfalls überrascht hat: Am längsten unterwegs waren die berufstätige Mutter und die Studentin, nicht der Berater und auch nicht der Landarzt.

Follmer: Das sehen wir so ähnlich auch in unseren Studien. Von allen Berufsgruppen in Deutschland sind Studierende statistisch betrachtet am längsten unterwegs. Dass wir das erstaunlich finden, hängt mit einer Fehlwahrnehmung zusammen: Wir glauben, unser Verkehr bestehe vor allem aus Berufsverkehr. Dabei macht der nur 30 Prozent unserer Wege aus. 70 Prozent der Wege legen wir zurück, um Freunde zu treffen oder einzukaufen. Und Studierende haben nun mal mehr Zeit, um mehrere Lebensinhalte zu bedienen und ein aktiveres Freizeitverhalten zu haben.

ZEIT ONLINE: Bewegen sich wohlhabendere Menschen mehr als arme?

Follmer: Ja, wer reich ist, bewegt sich mehr. Das hat auch damit zu tun, dass wohlhabendere Menschen oft bunteren Aktivitäten nachgehen, für die man fahren und die man sich leisten können muss. Es liegt aber auch daran, dass wohlhabendere Menschen öfter ein Auto besitzen. Und die Statistik sagt: Wer einmal ein Auto besitzt, bewegt sich auch mehr. Gleichzeitig steigt in Gesellschaften, in denen viele Haushalte in ökonomisch schlechten Verhältnissen leben, der Anteil derer, die sich gar nicht bewegen. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 15 Prozent. 

ZEIT ONLINE: 15 Prozent der Deutschen bewegen sich am Tag nicht aus dem Haus?

Follmer: Ja, das ist ein Durchschnittswert, der auch die Wochenenden umfasst.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das?

Follmer: Wir haben in Deutschland viele ältere Menschen, die nur noch selten das Haus verlassen. Dann gibt es Kranke, die sich kaum bewegen. Und manchmal kann es ja auch angenehm sein, zu Hause zu bleiben. Wir sehen, dass der Anteil in Deutschland in den vergangenen Jahren leicht zugenommen hat, vor allem bei Menschen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht. Man sollte deshalb wachsam sein: Mobilität hat schließlich immer auch mit Wohlstand zu tun. Und mit der Teilhabe an diesem Wohlstand.