Wer nicht selbst im SUV unterwegs ist, kennt wahrscheinlich das beklemmende Gefühl: Man sitzt im Kleinwagen und sieht an der Ampel im Rückspiegel nur die Stoßstange des Fahrzeugs hinter sich. Man fährt mit dem Fahrrad und wird knapp von einem solchen Auto überholt, das manche in seiner Wuchtigkeit gern mit einem Panzer vergleichen. Man sieht Kinder die Straße überqueren und fragt sich, ob ein SUV-Fahrer diese aus seiner erhöhten Sitzposition übersehen könnte.

Und dann liest man, dass in Berlin vier Menschen ums Leben gekommen sind, weil ein SUV-Fahrer von der Fahrbahn abgekommen ist. Der Fall scheint alle Befürchtungen zu bestätigen. Aber wenn man vom Einzelfall Abstand nimmt, sich Studien ansieht und Expertinnen zuhört, zeigt sich, dass es nicht so einfach ist: Es gibt Untersuchungen aus den USA, die SUV als besonders gefährlich einstufen, aber auch welche aus Deutschland, die sich weniger alarmierend lesen.

Unfälle hängen von vielen Faktoren ab. Für ihren Ausgang ist vor allem die Geschwindigkeit eines Autos viel relevanter als der Fahrzeugtyp. "Man kann nicht einfach sagen: Ein SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart", sagt etwa der Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Eine notwendige Debatte wird in die falsche Richtung gelenkt

Aber statt den Zusammenhang erst zu prüfen und die Ermittlungen abzuwarten, preschen einige Grünenpolitiker und die Deutsche Umwelthilfe vor: Sie nutzen den Unfall, um Stimmung gegen SUV zu machen und sich leicht verdienten Applaus zu sichern. Dabei ist bisher noch unklar, wie es zu dem Unfall kam. Das Schlimme an diesem Schnellschuss ist, dass eine notwendige Debatte in die falsche Richtung gelenkt wird. Denn natürlich ist es ein Problem, dass immer mehr Menschen ihre SUV durch die Städte fahren. Aber nicht in erster Linie wegen der Unfälle.

Es gibt ländliche Regionen mit steilen Hängen, in denen stark motorisierte Autos nötig sind, und es gibt Menschen, die für ihren Beruf große Autos brauchen. In Berlin, München und anderen Metropolen aber ist der SUV-Boom fatal. Denn in diesen Städten ist der Platz ohnehin knapp und die Luft schlecht, teilweise gesundheitsgefährdend. Außerdem wollen weiterhin Tausende Menschen dorthin ziehen, die auch eine Wohnung und Verkehrsmittel brauchen.

Sich hier einen SUV zu kaufen, ist egoistisch: Für den eigenen Komfort beansprucht man mehr Platz als nötig und trägt kräftig zur Luftverschmutzung bei. Und es hat schlimme Folgewirkungen. Manche Verkehrsteilnehmer fühlen sich unsicherer (sei es nun begründet oder nicht), trauen sich nicht mehr, Fahrrad zu fahren. Andere fürchten sich in ihrem Kleinwagen vor einem Unfall und kaufen sich am Ende womöglich selbst einen SUV. Ein Teufelskreis.

Es gibt sinnvolle Maßnahmen gegen den SUV-Boom

Deshalb sollte der Staat dringend versuchen, dem SUV-Boom entgegenzuwirken. Dafür könnte er ein Bonus-Malus-System einführen: Wer ein großes, schweres, durstiges Auto kauft, muss draufzahlen (in Frankreich bis zu 10.000 Euro), wer ein kleines, umweltfreundliches Auto kauft, bekommt einen Bonus. Denkbar wäre auch eine Citymaut, bei der die Fahrerinnen und Fahrer umweltschädlicher Autos mehr bezahlen müssen, um in die Stadt zu fahren, als die von Elektroautos.

Die Diskussion über solche Maßnahmen ist wichtig. Es ist aber ein großer Fehler, Unfälle wie den in Berlin nutzen zu wollen, um sie voranzutreiben. Denn das Argument, dass SUV gefährlicher als andere Autos seien, ist nicht eindeutig belegt. So macht man es denen leicht, die den SUV verteidigen wollen. Wer etwas für menschen- und umweltfreundlichen Verkehr tun will, sollte nicht auf kurzfristige Empörung setzen, sondern auf die wirklich stichhaltigen Argumente.