Im Dörpsmobil durch Sprakebüll – Seite 1

Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Wer Karl-Richard Nissen ohne eigenes Auto besuchen will, kommt bis Leck in Schleswig-Holstein. Weiter geht es nur mit dem Rufbus, mit dem die Reise laut Fahrplan-App auch schon mal eine Stunde dauern kann – je nachdem, wo sich der Bus gerade befindet. Da ist man froh, dass Nissen, 71, wettergegerbt und bis auf die grauen Schläfen noch immer blond, so gerne ins Dörpsmobil steigt, um seinen Besuch abzuholen. Dörp ist Plattdeutsch für Dorf und jeder in Sprakebüll kann den elektrischen Renault Zoe für 2,50 Euro in der Stunde leihen.

Das E-Auto-Dorf

"Was uns bewegt, treibt uns an", steht in grünen Buchstaben auf dem schwarzen Lack. Vorsichtig fädelt sich Nissen in den fließenden Verkehr ein, der vorbei am Busbahnhof in Richtung des kleinen Geschäftszentrums von Leck fließt. Große Schwierigkeiten bereitet ihm das Einfädeln nicht: Das E-Auto hat einen ordentlichen Antritt.

Carsharing im Countrystyle – ist das die Zukunft der Mobilität auf dem Land? In einer Zeit, in der es die Menschen in die großen Städte zieht und die Infrastruktur im ländlichen Raum leidet? Nissen winkt ab. "Das Dörpsmobil ist nur ein kleiner Teil unserer Idee." Die gesamte Idee entstand 2016 – aus Verärgerung.

Bürgermeister Karl-Richard Nissen, im Hintergrund der Bürgerwindpark © Simon Frost für ZEIT ONLINE

Rund um das Dorf in Schleswig-Holstein erzeugen zwei Bürgerwindparks Ökostrom, der ins Netz eingespeist wird. Die Erträge aus den Anlagen fließen zurück auf die Konten der Investoren – und das sind in diesem Fall rund 150 Sprakebüller und Bewohnerinnen des Nachbarorts Stadum. Doch die Windräder standen viel zu oft still. Das Leitungsnetz sei schon durch konventionell erzeugten Strom voll ausgelastet gewesen, sagt Christian Andresen, blond, Vollbart und Mitte 40. Er ist Geschäftsführer der Solar-Energie Andresen GmbH und für die Verwaltung des Windparks zuständig. Seine Lösung für den überschüssigen Strom: Elektroautos damit aufladen.

Eine Pionieridee

Das führte zu einem Boom in Sprakebüll: Inzwischen sind mehr als 20 der rund 250 Autos im Ort rein elektrisch unterwegs. "Wir haben hier die größte Dichte an Elektroautos in Deutschland", sagt Bürgermeister Nissen. Widersprochen hat ihm noch niemand, auch nicht im rund 30 Kilometer östlich gelegenen Flensburg. Dort, beim Kraftfahrtbundesamt, waren zu Beginn dieses Jahres bundesweit 83.000 rein elektrisch angetriebene Pkw verzeichnet – von insgesamt 47 Millionen. Weit entfernt vom einst formulierten Ziel der Bundesregierung: eine Million E-Autos bis 2020.

Erneuerbare-Energien-Unternehmer Christian Andresen © Simon Frost für ZEIT ONLINE

Würden in ganz Deutschland so viele Menschen elektrisch fahren wie in Sprakebüll, wären es 3,76 Millionen. Warum gelang in der Provinz in Schleswig-Holstein, woran die Bundesregierung scheiterte? Mit Zuschüssen konnte Andresen 15 Gesellschafter der Bürgerwindparks zum Umstieg auf die vergleichsweise teuren und nicht sehr reichweitenstarken E-Mobile bewegen. Bei Beratung und Kauf half auch die Expertise des Greentec-Campus, der rund 15 Kilometer südwestlich liegt. Auf dem ehemaligen Militärgelände haben sich rund 20 Firmen angesiedelt, die sich mit erneuerbaren Energien, E-Mobilität oder dem autonomen Fahren beschäftigen. "Seit 2013 haben wir mehr als 400 E-Mobile nach ganz Schleswig-Holstein und sogar bis nach Niedersachsen vermittelt", sagt Andrea Jensen aus der Geschäftsführung des Greentec-Campus. Die Idee, E-Autos als Speicher für eigens produzierten Ökostrom zu nutzen, sei bislang eher ungewöhnlich. "Da sitzen die Pioniere schon in Sprakebüll."

Fast jeder kann sein Auto zu Hause laden

Elektroautos seien nichts für ländliche Regionen, aber ideal für die Stadt, heißt es immer. Denn dort sind die Strecken kurz und es gibt viele Ladesäulen. "Wir sehen das genau umgekehrt", sagt Andresen. Anders als in Städten habe auf dem Land fast jeder eine Garage – und damit die Möglichkeit, das Auto problemlos über Nacht zu laden. "Wer 30 Kilometer zur Arbeit fährt, braucht nichts anderes."

Sabine Thomsen macht genau das. Die 52-Jährige ist Berufspendlerin. Fünf Tage in der Woche, 20 Kilometer mit dem Auto ins westlich gelegene Niebüll und von dort weitere 40 Kilometer im Zug nach Westerland. Jetzt steht sie in ihrer Garage in Sprakebüll vor der Ladebox für ihren Renault Zoe. "Vom Bürgerwindpark bekommen wir 100 Euro monatlichen Zuschuss zur Leasingrate." Ganz ordentlich bei einer Leasingrate zwischen 250 und 300 Euro.

Sabine Thomsen pendelt mit dem eigenen E-Auto zur Arbeit. © Simon Frost für ZEIT ONLINE

Thomsen ist auch nach rund zwei Jahren von ihrem Elektromobil überzeugt. "Ich habe im vergangenen Jahr für 600 Euro Strom getankt." Mit ihrem alten benzinbetrieben Auto habe sie doppelt so viel ausgegeben. Zum anderen, sie lächelt, mache ihr das Auto einfach Spaß. "Man lässt auch schon mal einen Sportwagen-Fahrer an der Ampel stehen – und das können die nicht gut ab." Dass sie trotz Elektroauto mit 100 Prozent Ökostrom noch immer einen großen CO2-Fußabdruck hinterlässt, liegt an der Bahn. Die fährt mit Dieselloks auf die Nordseeinsel Sylt.

Spaß schafft Akzeptanz

40 Tonnen CO2 im Jahr, haben Nissen und Andresen ausgerechnet, sparen die Sprakebüller durch ihre Elektroauto-Offensive ein. Das entspricht in etwa 17.000 Litern Benzin. Was nicht heißt, dass es nicht reichlich schmutzige Luft nach oben gäbe. "Fast jeder Haushalt bei uns hat zwei Autos", sagt Bürgermeister Nissen. Auf dem Land sei das ja auch kaum anders möglich – quasi ohne Nahverkehr. Langfristig will er das ändern. Wer braucht noch einen teuren Zweitwagen, wenn er für wenig Geld ein Leihauto flexibel nutzen kann? Auch um solche Überlegungen anzustoßen, gibt es das Dörpsmobil, das durch die Erlöse aus den Bürgerwindparks gesponsert wird.

"Wir haben inzwischen regelrechte Stammkunden", erzählt Lothar Jürgensen. Er steht vor einem Carport auf einer kleinen Wiese mitten im Dorf, dem Zuhause des Dörpsmobils. Der 68-Jährige, graue Haare, Schnäuzer, ist einer von zwei Ehrenamtlichen, die sich um den Wagen kümmern und das Onlinebuchungsportal betreuen. Manche Leute buchten den Wagen immer wieder, obwohl sie zwei Autos in der Garage stehen hätten. "Denen geht es ums Fahrgefühl – es macht einfach unheimlich Spaß, mit einem Elektroauto unterwegs zu sein", sagt Jürgensen.

Auch das Aufladen des Dörpsmobils zählt zu Jürgensens Aufgaben. © Simon Frost für ZEIT ONLINE

Spaß schafft Akzeptanz. Das ist für Nissen die zentrale Erfahrung seiner 25 Jahre als Bürgermeister. Natürlich gebe es immer Leute, die gegen neue Entwicklungen seien. "Aber wenn die Menschen feststellen, dass sie selbst profitieren, schrumpfen die Vorurteile", sagt Nissen. Das sei beim Aufstellen der ersten Windräder 1998 so gewesen und es werde bei der Nutzung der E-Mobilität nicht anders sein.

Die Angst vor dem elektrischen Fahren nehmen

"Das Dörpsmobil nimmt einem die Angst vor dem elektrischen Fahren, es ist versichert, man kann es einfach ausprobieren", sagt Unternehmer Andresen. Und manchmal löst es in den Menschen etwas aus. Erst vor ein paar Tagen habe eine Mitarbeiterin das Dörpsmobil getestet. "Sie war davon so begeistert, dass sie sich jetzt einen VW e-Up bestellt hat." Inzwischen folgt ein gutes Dutzend Gemeinden in Schleswig-Holstein dem Beispiel der Sprakebüller und der Nachbarn aus Klixbüll, die als Erste in der Region ein solches Bürgerauto anschafften. Bei der Umsetzung hilft eine Koordinierungsstelle des Landes.

Manchmal jedoch ist nicht die Begeisterung der Hebel, sondern die schiere Not, sich an unterschätzte Realitäten anzupassen. "Dass nun auch die deutschen Hersteller Elektroautos präsentieren, sehen wir durchaus ein bisschen als unser Verdienst an", sagt Nissen nicht ganz ernst gemeint, aber auch nicht nur im Spaß. Als die Sprakebüller vor gut zwei Jahren ihre Fahrzeuge bestellten, habe es keine konkurrenzfähigen E-Autos deutscher Marken gegeben – und so fahren sie in Sprakebüll überwiegend Modelle aus Frankreich und Fernost. "Beispiele wie unseres dürften so manchem Manager die Augen geöffnet haben, dass sich die Zeiten ändern", sagt Nissen.

Für lange Strecken oder Transporte fehlen noch Modelle

Sprakebüll zeigt aber auch, dass sich die Zeiten langsam ändern – und woran es  hapert. Jürgensen etwa kümmert sich zwar liebevoll um das Dörpsmobil, ist aber nur selten damit unterwegs. Mit seiner Frau betreibt er eine Reinigung. "Wenn ich zum Beispiel einen Teppich von 2,80 Meter Länge transportieren muss, bekomme ich das mit einem bezahlbaren E-Modell noch nicht hin." Seinen Diesel, glaubt er, wird er deshalb noch einige Jahre fahren. Und auch bei Pendlerin Thomsen stößt die Technologie noch an alltägliche Grenzen. Für Fahrten nach Bremen leiht sie sich den Diesel ihrer Mutter. Mit dem dauere eine Strecke keine drei Stunden. "Elektrisch wären es vier oder fünf – weil ich zwischendurch laden müsste."

Lange, davon ist Nissen überzeugt, werden solche Schwierigkeiten die E-Autobesitzer nicht mehr plagen. Zu schnell sei der Fortschritt. Bis dahin ist er mit Etappenzielen einverstanden. "Wir müssen dahin kommen, dass die Menschen zumindest eines ihrer zwei Autos elektrisch fahren."

Er will mit gutem Beispiel vorangehen. "Wenn kommendes Jahr der Leasingvertrag für mein Auto ausläuft, werde ich es durch ein Elektroauto ersetzen." Noch wartet er allerdings aufs richtige Modell. "Eines, in das ich als Älterer bequem ein- und aussteigen kann." Ein SUV wäre schön, kürzlich ist er schon mal den Audi E-Tron Probe gefahren. Wahrscheinlich steigt die E-Auto-Dichte in Sprakebüll bald weiter.