Es war der erste Sommer mit E-Tretrollern in Deutschland. Seit Mitte Juni sind sie in Deutschland zugelassen. Seither vergeht kaum eine Woche ohne Berichte über Unfälle. Wie neulich in Bonn, als ein junger Rollerfahrer mit einem Taxi zusammenstieß und mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus kam. Oder kürzlich in Frankfurt, als zwei Frauen auf ihrem Roller durch die Stadt fuhren und in einer Straßenbahnschiene hängen blieben. Beide stürzten und trugen Verletzungen davon. In Berlin fiel vor wenigen Tagen eine ältere Frau über einen herumliegenden E-Roller und kam mit schweren Armverletzungen ins Krankenhaus.

Sind das nur Einzelfälle oder sind die elektronischen Roller im Straßenverkehr ein übergroßes Risiko? Die Antwort darauf zu finden ist nicht einfach. Wie viele Unfälle es genau mit dem neuen Kleinfahrzeug gegeben hat, wird in der amtlichen Unfallstatistik bislang noch nicht erfasst. Dafür sind die E-Scooter noch zu neu. Die Bundesländer jedoch zählen die Unfälle. So gab es in Bayern zwischen dem 27. Juni 2019 und 31. August 2019 insgesamt 38 Verkehrsunfälle, an denen E-Scooter beteiligt waren, in Nordrhein-Westfahlen waren es in einem ähnlichen Zeitraum 54 Unfälle und in Berlin registrierte die Polizei in den ersten drei Monaten seit der Einführung 74 Unfälle mit davon 16 Schwer- und 43 Leichtverletzten.

Friedrich Jahn, Chefarzt der Unfallchirurgie der Evangelischen Elisabeth Klinik in Berlin, schätzt sogar, dass es in Wahrheit noch weit mehr sind. Denn seitdem die E-Scooter in der Hauptstadt auf den Straßen sind, hat er nahezu täglich mit Menschen zu tun, die sich dadurch verletzt haben. "Nur wird halt nicht jeder dieser Unfälle angezeigt", sagt Jahn. Dass es bei E-Roller-Unfällen eine hohe Dunkelziffer gibt, bestätigt auch eine Analyse des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb). Um herauszufinden, wie aussagekräftig die Daten der Polizei sind, haben die Journalisten und Journalistinnen vom RBB in verschiedenen Berliner Krankenhäusern nachgefragt. Und obwohl ihnen nicht alle antworteten, kam am Ende eine deutlich höhere Zahl heraus: Vom 20. Juni bis 15. Juli 2019 meldete die Polizei 21 E-Scooter-Verkehrsunfälle mit vier Schwer- und 15 Leichtverletzten. Die Nachfragen bei den Kliniken ergaben hingegen mindestens 40 Verletzte – also fast doppelt so viele.

Fünf Todesfälle in Paris in einem Jahr

All diese Zahlen nützen jedoch nichts, wenn man sie nicht ins Verhältnis setzt. Das rbb-Team hat die Rate der in Berlin gefahrenen Kilometer deshalb mit denen von Fahrrädern verglichen, und errechnet, mit welchem der Fahrzeuge mehr Unfälle passierten. Das Ergebnis: Pro gefahrenen Kilometer ist es tatsächlich rund sechsmal wahrscheinlicher, dass ein E-Scooter-Fahrer einen Unfall erleidet als ein Fahrradfahrer. Bei dieser Rechnung handelt es sich jedoch um eine Hochrechnung, die auch auf Schätzungen beruht – und wie gesagt: Die Zahlen zu den E-Scooter-Unfällen gehen auseinander. Dazu darf man nicht vergessen, dass die Elektroroller in Deutschland gerade mal ein paar Monate auf dem Markt sind. Das heißt, die Menschen hierzulande müssen mitunter erst noch lernen, sie richtig zu bedienen.

Hier könnte ein Blick ins Ausland helfen, wo die elektrischen Roller meist schon länger Teil des Straßenverkehrs sind. Nur werden auch dort die Unfälle mit E-Scootern nicht statistisch separat erfasst, wie beispielsweise das Bundesministerium für Inneres in Österreich mitteilt. Laut der Tageszeitung Le Parisien, die sich auf offizielle französische Verkehrssicherheitsdaten bezieht, wurden im Jahr 2017 in Paris zwar 284 Menschen bei Unfällen mit den elektrischen Rollern verletzt und fünf getötet. Die Zahlen beziehen sich allerdings nicht nur auf Fahrten mit E-Scootern, sondern auch auf solche mit Rollschuhen. Zudem werden sie weder zur Anzahl der E-Scooter noch zu der von Fahrradunfällen in Vergleich gesetzt.

Im US-amerikanischen Portland wurde die Einführung der E-Scooter im Jahr 2018 vom Portland Bureau of Transportation (PBOT) wissenschaftlich begleitet. Dabei wurde auch analysiert, wie gefährlich sie im Straßenverkehr sind. Doch selbst bei dieser umfassenden Studie bleibt der Vergleich ungenau: Zwar konnten die Studienautoren und -autorinnen ermitteln, dass Verletzungen mit E-Scootern (176) insgesamt seltener vorkamen als solche mit Fahrrädern (429). Nur wurde auch bei dieser Analyse nicht berücksichtigt, wie die Anzahl von E-Scootern und Fahrrädern im Verhältnis zueinandersteht und wie viel mit den jeweiligen Kleinfahrzeugen gefahren wurde.