Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Ledertasche über der Schulter, Regenschirm in der Hand: Ingrid Bruhn, 86, wartet vor ihrem Fachwerkhaus in Breselenz, einem 422-Einwohner-Dorf im Osten von Niedersachsen, bereit für den Einkaufsbummel in der Stadt. Auto fahren kann sie nicht mehr, die Augen machen es nicht mehr mit. Auf den Linienbus könnte sie lange warten, der kommt nur drei Mal pro Tag. Sie könnte auch den Rufbus bestellen. Aber das ist nicht nötig, es gibt ja Barbara Kirchner.

Wie vereinbart rollt Kirchner, 77, um kurz nach 11 Uhr in ihrem silbergrauen Opel Meriva an, hakt Bruhn ein und verfrachtet sie auf den Beifahrersitz. "Auf geht's in die Großstadt", scherzt Bruhn, als sie den Gurt festzurrt.

Ingrid Bruhn (l.) käme ohne Barbara Kirchner kaum noch in die Stadt. © Franziska Pröll für ZEIT ONLINE

Jeden Donnerstag dreht Kirchner eine Runde durch Breselenz. Mit bis zu vier Senioren fährt sie dann nach Dannenberg. Die Stadt hat mit 8.300 Einwohnern deutlich mehr zu bieten als Breselenz, wo der Supermarkt vor Jahren dicht gemacht hat und es weder Ärzte noch eine Postfiliale gibt. Was immer die Leute brauchen, sie bekommen es nur in der Stadt. Und die ist nicht mehr für jede und jeden leicht erreichbar.

"Geistig fit, aber der Körper macht nicht mehr so mit." Dieser Satz von Kirchner trifft in Breselenz auf viele zu. In der gesamten Gemeinde Jameln, zu der das Dorf gehört, ist mehr als die Hälfte der Bewohner älter als 50 Jahre. Ihre Kinder und Enkel leben häufig in größeren Städten wie Hamburg oder Lüneburg, je mehr als 50 Kilometer entfernt – zu weit, um die Angehörigen zu jedem Einkauf, Friseurtermin oder Arztbesuch zu begleiten.

Hier jammert niemand, man sucht nach Lösungen

Der Rufbus ergänzt den Linienbus montags bis donnerstags um drei Fahrten, freitags um vier. Trotzdem kommen die Leute zwischen 9.40 und 13.32 Uhr nicht weg aus Breselenz. Außer per Taxi, mit dem eine Fahrt fast 13 Euro kostet, sehr viel mehr als mit dem Bus. Wer eine kleine Rente hat, kann sich das nicht leisten. Trotzdem macht hier niemand der Politik Vorwürfe oder den regionalen Verkehrsbetrieben. Statt zu jammern, suchen die Menschen nach Lösungen.

Das beste Beispiel dafür ist Kirchner. Mehrmals pro Woche ermöglicht sie den Leuten aus ihrer Nachbarschaft Mobilität, die sie aus eigener Kraft nicht mehr schaffen. Etwa weil sie nicht mehr lange gehen oder nicht gut sehen können.

Barbara Kirchner (r.) fährt regelmäßig in die Stadt und freut sich, wenn sie noch jemanden mitnehmen kann. © Franziska Pröll für ZEIT ONLINE

So wie Bruhn, die einen großen Teil ihrer Sehkraft verloren hat. Kirchner begleitet sie an diesem Donnerstag Ende September nach Dannenberg, zehn Kilometer von Breselenz entfernt. In der Regel fährt Kirchner zweimal wöchentlich dorthin: donnerstags zum Wochenmarkt, samstags ins Einkaufszentrum.

Heute ist Bruhn die einzige, die etwas braucht. Kirchner fährt trotzdem – wie immer, ohne Spritgeld zu verlangen. "Ab und zu will mir jemand etwas zustecken, aber das lehne ich ab", sagt sie. In Dannenberg mache sie ja auch selbst Erledigungen. Nehme sie noch jemanden mit, lohne sich die Fahrt eher.

Zusammen macht das Autofahren außerdem mehr Spaß. Bruhn erzählt ihr von Markus, dem Gärtner. Er habe die Hecke "sehr kurz geschnitten". Kirchner wirft ihr einen mitleidvollen Blick zu, sie hat ähnliche Erfahrungen und seufzt. Dann fangen beide an zu lachen.

Bruhn lebt seit dem Tod ihres Mannes allein. Viele Seniorinnen fühlen sich einsam, seit ihre Partner verstorben sind. Kirchners Fahrdienst bringt sie unter Menschen und in die Welt. Auch wenn die Welt nur die nächste Kleinstadt ist.

An der Kreuzung kurz vor Dannenberg müsste Kirchner Vorfahrt gewähren, drückt aber aufs Gas. "Lieber Gott, lass jetzt da oben keinen kommen", kommentiert sie die Aktion. Bruhn grinst nur und sagt: "Mit dir wird es einem nicht langweilig, Barbara."