Auf dem Fahrrad will ich häufig innerorts von einer in beide Richtungen zweispurigen Straße links abbiegen. Darf ich dafür als Radfahrer auf die linke Spur wechseln oder muss ich bis zur nächsten Fußgängerampel fahren und dort das Fahrrad über die Straße schieben? Sowohl der Fall mit vorhandenem nutzungspflichtigem Fahrradweg als auch ohne einen solchen würde mich interessieren, schreibt ZEIT-ONLINE-Leser Ludwig Striet aus Freiburg.

In manchen Städten führen Radwege nur geradeaus. Inzwischen verstehen aber immer mehr Verkehrsplaner und -planerinnen, dass auch Radfahrende irgendwann mal abbiegen wollen, und lassen an Kreuzungen entsprechende Markierungen auf die Straße pinseln. Doch solche Lösungen gibt es längst nicht in allen Kommunen. Deshalb lohnt sich ein Blick in die Straßenverkehrsordnung (StVO), wie Radfahrer und Radfahrerinnen sicher und regelkonform abbiegen können. Das Regelwerk räumt ihnen grundsätzlich zwei Möglichkeiten ein, links abzubiegen: nämlich das direkte und das indirekte Linksabbiegen.

"Beim indirekten Abbiegen überquert man zunächst geradeaus die Kreuzung und biegt dann erst nach links ab", erklärt Daniela Mielchen, Fachanwältin für Verkehrsrecht aus Hamburg. "Der Radfahrer überquert dabei also zwei Fahrbahnen, jeweils geradeaus." Bei dieser Variante muss der Radfahrende den fließenden Fahrzeugverkehr aus beiden Richtungen beachten. "Zwar handelt es sich von außen betrachtet nicht um einen klassischen Abbiegevorgang, sondern eher um eine Fahrbahnquerung. Doch bleibt der Radfahrer auch beim indirekten Abbiegen ein Abbieger im Sinne des Paragrafen 9 der StVO", sagt Mielchen: Für sie oder ihn gilt die Ampelschaltung der Fahrbahnen.

"Etwas anderes gilt nur, wenn er verkehrsbedingt absteigen und sein Fahrrad schieben muss", sagt die Fachanwältin. Ab diesem Zeitpunkt wird die Vorschrift aus Paragraf 9 StVO nicht mehr angewandt, denn derjenige, der sein Rad schiebt, wird aus Sicht der Straßenverkehrsordnung wie ein Fußgänger oder eine Fußgängerin behandelt: Er oder sie muss dann die Ampelschaltung für Fußgänger beachten.

"Beim direkten Linksabbiegen ordnet man sich hingegen frühzeitig – auf mehreren Fahrbahnen für eine Richtung möglichst links – ein und richtet sich nach der Ampelschaltung des entsprechenden Fahrstreifens", erklärt Mielchen. Ist eine separate Linksabbiegerspur vorhanden, müssen sich Radfahrende dort, genauso wie Kraftfahrer, möglichst weit rechts halten.

Direktes Abbiegen ist auch erlaubt, wenn es einen Radweg gibt

Radfahrer müssen gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern und -teilnehmerinnen rechtzeitig vor dem eigentlichen Abbiegen durch Handzeichen ankündigen, dass sie die Spur wechseln wollen. Zudem weist Mielchen darauf hin, dass die Abbiegenden sowohl vor dem Einordnen als auch noch einmal vor dem Abbiegen auf nachfolgenden Verkehr achten müssen. Anschließend biegen sie wie Autofahrer auch nach links ab. "Ein direktes Linksabbiegen ist nach der Rechtsprechung selbst dann erlaubt, wenn Radwege vorhanden sind. In diesem Fall hat der Radfahrer den Radweg rechtzeitig zu verlassen, um sich dann auf der Fahrbahn einordnen zu können", sagt Rechtsanwältin Mielchen.

Gerade weil manchen Radfahrerinnen diese Variante auf mehrspurigen Straßen zwischen großen Autos, Bussen und Lkw zu risikoreich ist, entscheiden sich einige für die sicherere Lösung und nutzen den Radweg sowie Fußgängerampeln. Daniela Mielchen rät aber eindringlich davon ab, als Radfahrer spontan seine Meinung zu ändern und doch auf die Straße zu wechseln, um über den Linksabbiegerstreifen auf die andere Seite zu gelangen: "Hat sich ein Radfahrer entschieden, über den Radweg nach links abzubiegen, darf er die Radverkehrsführung nicht wieder verlassen." Denn die ausgewiesenen und ausgeschilderten Radwege dienen der Sicherheit des Straßenverkehrs und sollen auch dem nachfolgenden Verkehr eine gewisse Sicherheit hinsichtlich des Verhaltens der Radfahrer bieten.

"Handelt es sich um eine Straße mit zwei Spuren in jede Richtung, dürfte diese üblicherweise über eine Radverkehrsführung verfügen", sagt Mielchen. Besonders unter Sicherheitsaspekten empfiehlt die Fachanwältin für Verkehrsrecht an solchen Knotenpunkten in jedem Fall, eine vorhandene Radverkehrsführung zu nutzen. "Gibt es keinen Radweg, können sich Radfahrende zwischen den beiden Varianten entscheiden." Jede habe Vor- und Nachteile, sagt Mielchen. "Gerade ein indirektes Linksabbiegen über insgesamt vier Spuren hinweg erscheint aber schlicht unmöglich."