Lange hat sich die deutsche Autoindustrie gegen die Elektromobilität gesträubt. Jetzt, da sie verstanden hat, dass es um ihre Existenz geht, hat sie die Panik gepackt. Statt langsam und sanft muss sie nun schnell und radikal auf E-Autos umstellen. Wie immer, wenn es nicht läuft, rufen die Autohersteller nach der Politik. Und wie immer hat die für die Probleme der deutschen Vorzeigeindustrie ein Ohr.

Als drängendstes Problem sieht die Wirtschaft derzeit, dass es zu wenig Ladesäulen im Land gebe, um die Reichweitenangst der Deutschen zu besänftigen. Zwar sind die aktuell rund 21.000 Ladepunkte genug für die wenigen E-Autos auf den Straßen. Wenn VW, Daimler und BMW aber so viele E-Modelle verkaufen, wie sie gern würden, könnte sich das rasch ändern. Und zur Beruhigung des Kunden soll es im Zweifelsfall lieber viel zu viele als ein paar zu wenig geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach gar eine Million öffentlicher Ladepunkte bis 2030 – dabei würden dem Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft zufolge 350.000 genügen. Merkel versucht offenbar vor allem zu zeigen, für wie wichtig sie das Thema hält.

Die Industrie kommt zu billig weg

Quelle: ladesaeulenregister.de, Stand: 27.6.2019 © ZEIT ONLINE

Im sogenannten Masterplan Ladeinfrastruktur, über den die Bundesregierung am Montagabend mit Autokonzernen, Zulieferern und Gewerkschaften gesprochen hat, steht viel Sinnvolles. Endlich rücken auch private Ladestellen in den Fokus, also jene in der heimischen Garage oder bei Arbeitgeberinnen. Die meisten Autos fahren zwischen diesen beiden Orten hin und her, und da die Reichweite dafür in der Regel völlig ausreichend ist, wäre für volle Akkus im Alltag gesorgt. Öffentliche Ladepunkte, also am Straßenrand oder an Tankstellen, braucht es normalerweise nur für längere Fahrten. Auch hier ist der Ausbau wichtig – schließlich wollen die meisten Menschen mit einem Auto überallhin fahren können. Vergisst man darüber aber die privaten Ladestellen, ist die E-Mobilität für viele schlicht nicht alltagstauglich.

Viele gute Ideen im Masterplan

Was genau schwebt der Regierung vor? Vermieter sollen Mietern künftig nur noch in Ausnahmefällen verweigern dürfen, in der Garage eine Ladestation einzubauen. Diesen Einbau will die große Koalition auch finanziell fördern. Wer ein Haus baut, soll für den Einbau vorsorgen müssen. Ein Wettbewerb soll Ideen bringen, wie man auch in dicht besiedelten Wohngegenden Ladestellen bauen könnte. Und das Stromtanken auf der Arbeit soll weiterhin nicht versteuert werden müssen. Sinnvoll wären hier aber noch stärkere finanzielle Anreize für Unternehmen, bei sich auf dem Gelände Ladeplätze zu schaffen.

Was die öffentlichen Ladestellen angeht, will die Regierung Supermärkte und Geschäfte dazu auffordern, Ladeplätze bereitzustellen – auch über Nacht, für E-Autofahrer ohne Lademöglichkeit zu Hause. Eine gute Idee, denn außerhalb der Öffnungszeiten ist der Platz dort bisher oft ungenutzt. Alle Tankstellen sollen – bis auf Härtefälle – Ladesäulen anbieten. Keine Randnotiz ist außerdem, dass man das Bezahlen an öffentlichen Ladestellen einfacher machen will. Denn der Frust, den der Dschungel an Anbietern und Bezahloptionen auslöst, hat das Potenzial, Menschen abzuschrecken, die sich probeweise ein E-Auto leihen.

Ebenfalls wichtig ist, dass die Kaufprämien für Elektroautos verlängert und erhöht werden. Denn auch wenn E-Autos in den nächsten Jahren günstiger werden: Noch sind sie für viele Menschen nicht bezahlbar. Es irritiert allerdings, dass auch Elektroautos mit Preisen von mehr als 40.000 Euro stärker gefördert werden sollen und dass sogar die Preisobergrenze für förderbare E-Autos von 60.000 Euro auf 65.000 Euro erhöht werden soll. Denn Luxus-E-Autos sind aus Umweltsicht nicht sinnvoll. Hier haben sich einmal mehr die Hersteller durchgesetzt, die mit teuren Autos höhere Margen erzielen können.

Der Industrie nicht jeden Wunsch erfüllen

Autoindustrie - Kaufprämie für Elektroautos soll steigen Ab 2020 soll es zum Kauf eines E-Autos einen höheren Bonus geben. Der Verband der deutschen Autoindustrie bestätigte eine entsprechende Einigung mit der Bundesregierung. © Foto: Jens Büttner/​dpa

Alle diese Neuerungen klingen nach viel Klein-Klein. Es ist aber nötig, um einen so zentralen Bereich des Lebens wie das Autofahren grundlegend umzubauen. Die Regierung sollte dabei jedoch darauf achten, dass auch die Industrie einen angemessenen Beitrag leistet.

3,5 Milliarden Euro will die große Koalition in den nächsten Jahren in den Ausbau der Infrastruktur stecken. Zwar hat die Vergangenheit gezeigt, dass viele Fördergelder nicht abgerufen werden. Dennoch geht es um eine Menge Steuergeld, das die Regierung wohldosiert einsetzen sollte. Sie ist ohnehin bekannt dafür, Probleme mit Geld zuzupflastern.

Von Verpflichtungen der Auto- und Energiekonzerne ist dagegen im Masterplan kaum die Rede. "Der Aufbau von Ladeinfrastruktur muss langfristig eine Aufgabe der Wirtschaft sein", heißt es dort. Besonders fordernd klingt das nicht. Konkret verpflichtet sich die Industrie nur dazu, 15.000 Ladestellen zu schaffen – vor allem an ihren eigenen Standorten. So kommt sie zu billig weg, gemessen an der riesigen Unterstützung, die sie vom Staat erhält.

Autohersteller machen weiter Milliardengewinne

In der Sozialpolitik ist oft von Fördern und Fordern die Rede. Das muss auch für die Industriepolitik gelten. Zwar hat Deutschland ein Interesse an einer starken Autobranche. Aber es ist nicht die Aufgabe der Regierung, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Die Kaufprämie zeigt das Mindestmaß, das auch bei der Förderung der Ladeinfrastruktur gelten sollte: Von dem Bonus tragen die Autokonzerne bereits die Hälfte der Kosten.

Trotz Krisenstimmung machen die deutschen Autohersteller weiterhin Milliardengewinne. Einen Teil davon investieren sie zu Recht in die Umstellung auf Elektroautos. Einen guten Teil sollten sie aber auch in die Infrastruktur stecken können und müssen. Schließlich geht es hier darum, dass sich Konzerne zukunftsfähige Geschäftsfelder erschließen. Dasselbe gilt für die Energiewirtschaft, die bei dem Autogipfel offenbar nicht einmal eingeladen war. Beide Industrien werden mit E-Mobilität schon bald viel Geld verdienen. Bedingungslose Solidarität vom Staat haben sie nicht nötig.