Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Rotenburg an der Fulda, 7.30 Uhr

Klaus Schneider dreht den Schlüssel, startet den Motor, bringt den 13 Meter langen Bus ins Rollen. Heute fährt er ein bundesweit einzigartiges Modell. Eine Arztpraxis auf Rädern, den ersten sogenannten Medibus. In Rotenburg an der Fulda, einem Ort im Umland von Kassel, ist es noch dunkel, die Stadt sitzt am Frühstückstisch.

Hier fährt der Medibus

Das rote Gefährt, das früher ein Linienbus war, macht sich an diesem Montagmorgen auf einen langen Weg. Raus aus der Stadt, hinaus aufs Land. Schneider schaut aus seiner riesigen Windschutzscheibe, lenkt den Bus über kurvige Straßen. Die Häuser sind jetzt spärlicher gesät, Bäume und Wiesen häufiger. Die Landschaft wird hügelig. Mit an Bord sitzt Doris Gronow, 59, die Ärztin im Medibus. Sie schenkt sich einen Kaffee ein. Die Fahrt bis zum ersten Halt an diesem Tag dauert etwa eine Stunde.

Von Montag bis Donnerstag ist der Medibus in der dünn besiedelten Region südöstlich von Kassel unterwegs. Er fährt Orte an, die besonders wenige Hausarztpraxen haben. In seinem Inneren befindet sich ein Wartezimmer, ein Labor mit Kühlschränken und ein Behandlungsraum, Gesamtgewicht: 15 Tonnen. Auf dem Dach sind Solarzellen für die Stromversorgung angebracht. Der Medibus ist ein Pilotprojekt, ein Versuch, den die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam mit der Deutschen Bahn gestartet hat. Kann man den Ärztemangel auf dem Land mit einer rollenden Praxis abmildern?

Sieht fast wie eine gewöhnliche Arztpraxis aus: Samara Abhau an ihrem Arbeitsplatz. © David Gutensohn

Doris Gronow tippt in ihrem Behandlungszimmer etwas in ihren Computer, neben ihr eine Liege. Sie druckt ein Rezept aus, zum Test, bevor die ersten Patientinnen und Patienten kommen. Seit September arbeitet die Ärztin im Medibus. Heute hat sie sich einen schwarzen Pullover mit grünen Punkten angezogen, dazu einen Rock, kein Kittel. Von Göttern in Weiß hält sie wenig.

Nentershausen, 8.30 Uhr

Der rote Bus fährt im Ort Nentershausen ein, zweieinhalbtausend Einwohner gibt es hier, die Straßen sind eng und kurvig. Klaus Schneider stoppt sein Gefährt vor einer Turnhalle, öffnet die Vordertür. Er steigt aus, in seinen Armen ein langes, gelbes Kabel. Schneider schließt es im Foyer der Sporthalle an einer Steckdose an. "Es kann losgehen!", sagt der Busfahrer.

Vier Frauen und drei Männer haben schon vor der Turnhalle auf den Bus gewartet. Sie kommen ins Plaudern, erzählen vom alten Schulgebäude und der Kirmes. Von damals, als Orte wie Nentershausen eine volle Kirche, einen gut ausgestatteten Dorfladen und eigene Sportvereine hatten. Zu diesen Zeiten gab es noch drei Arztpraxen hier. Sie erzählen vom Hausarzt, der zur Rente nach Berlin zog. Von seinem Kollegen, der nie einen Nachfolger fand. Von der einzigen Ärztin, die heute nur noch unregelmäßig ihre Praxis öffnet. Zum neuen Jahr ist wohl auch damit Schluss, hört man.

Im Bus empfängt jetzt die Arzthelferin Samara Abhau die Patienten. Sie melden sich bei ihr wie in einer normalen Arztpraxis an. Termine gibt es nicht: Wer zuerst kommt, darf zuerst zur Ärztin. Der Rest stellt sich an. Sie geben die Karte ihrer Krankenkasse ab, berichten von ihren Beschwerden. Im Medibus ist alles digital. Jeder Bericht wird mit einem kleinen Gerät eingescannt und übertragen. "Wir hätten für Aktenordner gar keinen Platz", sagt Abhau.

Nach der Anmeldung warten die meisten Patienten wieder draußen vor der Tür, obwohl auch in der Sporthalle ein größerer Warteraum geöffnet ist. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen. Unter ihnen sind jüngere, die das erste Mal da sind, und ältere Menschen, die sich schick kleiden, wenn sie einmal in der Woche zum Bus kommen. Die Haltestelle des Medibusses ist zu einem Treffpunkt der Dorfbewohner geworden.

Dort steht auch Konrad Schmidt, 86 Jahre alt. Er hat viel erlebt und gesehen, sagt er, jahrzehntelang als Landwirt gearbeitet. Doch jetzt lassen seine Augen nach, ab und zu schmerzt es irgendwo. "Ich habe mittlerweile fünf Hausärzte überlebt", sagt Schmidt. In einem Bus behandelt zu werden, das konnte er sich lange nicht vorstellen. Doch nach all den Jahren in den Hausarztpraxen richtet er sich jetzt nach dem Fahrplan des Arztmobils. Er ist froh, dass es überhaupt noch eine Ärztin gibt. Die jungen Leute blieben ja nicht.