Nach 100.000 Kilometern auf dem Tacho war Schluss. Sein Besitzer in Deutschland wollte den Honda Civic nicht mehr. Deswegen steht er jetzt im polnischen Krakau, zwischen einer Tramhaltestelle und dem Hotel Sympozjum & Spa. Hier soll sein neues Leben beginnen.

Der Mann, der den Honda holen ließ, heißt Tomasz Wójcikiewicz und sieht aus, wie man sich Autohändler vorstellt: Unter dem T-Shirt zeichnet sich ein Bauch ab und am Handgelenk glänzt eine Goldkette. Wójcikiewicz ist Besitzer des Gebrauchtwagenhandels Autohit. Täglich bekommt er von deutschen Händlern Angebote per Whatsapp. Wenn etwas Interessantes dabei ist, schickt er einen Mitarbeiter. "Der steigt in den Schlitten, fährt hin, schaut sich das Auto an, macht eine detaillierte Beschreibung des Wagens und berichtet." Zwei Mitarbeiter hat Wójcikiewicz dafür eingestellt, sie wohnen in der Nähe der deutschen Grenze.

Jede Woche schickt der Autohändler einen Transporter, der alle Fahrzeuge einsammelt: sechs Autos pro Fahrt, ein "Paket". Ist man samstags auf der Autobahn von Deutschland nach Polen unterwegs, wird das Ausmaß des Handels deutlich: Laster um Laster fahren, vollbepackt mit deutschen Gebrauchtwagen, nach Polen, und manche noch weiter, in die Ukraine oder Richtung Baltikum. Der Export alter deutscher Dieselwagen in den Osten ist seit der Abgasaffäre stark gestiegen.

Tomasz Wójcikiewicz importiert gebrauchte Dieselautos aus Deutschland. © Sophie Rebmann

Die meisten der Autos auf Wójcikiewicz' Platz kommen aus Deutschland. 70 Prozent der Fahrzeuge stammen von drei Markenhändlern in Ostdeutschland, schätzt er. Ein gutes Geschäft für den Polen, denn meistens seien die Wagen auch bei diesem Händler gekauft und regelmäßig inspiziert worden. 39.900 Złoty will er für den sechs Jahre alten Honda, umgerechnet etwa 10.000 Euro.

Für Magda Kozłowska sind die Autos kein gutes Geschäft, sondern ein weiterer Grund zur Sorge. Die junge Frau mit der violetten Brille in Form eines Schmetterlings kämpft mit neun anderen Aktivisten und Aktivistinnen für saubere Luft, seit sieben Jahren. Polski Alarm Smogowy, "polnischer Smogalarm", nennen sie sich.

Magda Kozłowska setzt sich für saubere Luft ein. © Sophie Rebmann

Kozłowska beobachtet, dass immer mehr Autos auf polnischen Straßen fahren. "Und man sieht auch, dass das keine neuen Autos sind", sagt sie. Mehr als eine Million importierter Gebrauchtwagen wurden in Polen 2018 neu zugelassen, 220.000 mehr als noch vor drei Jahren. Das hat das Forschungsinstitut des polnischen Kraftfahrzeugmarktes Samar ermittelt. Im Schnitt seien die Wagen fast zwölf Jahre alt. Der Honda ist mit seinen sechs Jahren zwar vergleichsweise jung, aber auch er hat nur Euro-Norm 5 und stößt mehr Schadstoffe aus, als EU-Normen für neue Modelle zulassen. Die Schadstoffe gelangen auf die Haut, in die Lunge und ins Blut der Menschen, sagt Kozłowska. Deswegen werden die Autos zunehmend aus deutschen Städten verbannt – und landen im Ausland, meist östlich von Deutschland. Die Aktivistin ärgert das: "Wieso landen diese Autos bei uns, wo doch ihre ehemaligen Besitzer sie nicht wollten, wieso sind wir dann der Mülleimer?", fragt sie.

Nachdem 2015 die Abgasaffäre aufflog, mussten einige deutsche Städte Fahrverbote gegen alte Diesel verhängen. Die Autoindustrie weiß das für sich zu nutzen und lockt mit Rabatten: Wer einen alten Diesel fährt, der viel Schadstoffe ausstößt, kann ihn eintauschen und zahlt für einen neuen ein paar Tausend Euro weniger. "Umweltprämie" nennt das BMW, "Umweltbonus" heißt es bei Ford. Verschrottet aber werde nur ein "geringer Anteil der Fahrzeuge", erklärt ein Pressesprecher von Daimler. Schließlich sei das "in den allermeisten Fällen nicht nur aus ökonomischen, sondern insbesondere auch aus ökologischen Gründen nicht sinnvoll". Ein Großteil werde weitervermarktet, schreiben Daimler und BMW auf Anfrage. Die Deutschen exportieren ihr Problem ins Ausland.