Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Scrollt man über eine Deutschlandkarte der frei zugänglichen Ladestationen für Elektroautos, knubbeln sich in einer Region besonders viele Stecknadeln, obwohl dort nur sehr wenige Menschen wohnen. Direkt an der tschechischen Grenze, ganz im Süden der Republik, liegt der Bayerische Wald, der unter Wintersportlern und Touristen beliebt ist, sonst aber weniger im Zentrum bundesdeutscher Aufmerksamkeit steht. In kaum einer so ländlich geprägten Region Deutschlands stehen so viele Ladesäulen wie zwischen Cham und Passau.

Eine Vielzahl von öffentlichen Ladestellen gelten als Voraussetzung, damit sich mehr Menschen Elektroautos kaufen. Die Bundesregierung will deshalb bis 2030 eine Million davon bauen lassen. Im Bayerischen Wald ist die Dichte schon seit einigen Jahren hoch – doch wer gehofft hat, dass dort nun die E-Mobilität boomt, wurde enttäuscht. An diesem Beispiel zeigt sich, dass es für einen Boom mehr braucht als öffentliche Ladesäulen.

Zwischen 2011 und 2016 investierte die bayerische Staatsregierung 18,5 Millionen Euro in das Modellprojekt E-Wald, an dem sich auch die sechs Landkreise Cham, Deggendorf, Freyung-Grafenau, Passau, Regen und Straubing-Bogen finanziell beteiligten. Gemeinsam wollten der Freistaat, die Landkreise und die Technische Hochschule (TH) Deggendorf herausfinden, wie konkurrenzfähig Elektroautos fernab der großen Städte sind und was nötig ist, damit die Menschen sie nutzen. Dafür bauten sie Ladesäulen und entwickelten ein Carsharing-Konzept mit Elektroautos.

"Funktioniert auch mit Hügeln und in kalten Wintern"

Zumindest in der Theorie sprechen gute Argumente dafür, dass E-Mobilität vor allem in ländlichen Regionen ein Erfolg werden könnte. In den Städten sind die viele Menschen schon heute nicht auf das Auto angewiesen, sie können mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Auf dem Land sind die Strecken für das Fahrrad oft zu weit und Busse fahren nur im Stundentakt – wenn überhaupt. Deshalb brauchen die meisten Familien dort mindestens ein Auto, um zur Arbeit und zum Sportverein zu gelangen. Durch das Modellprojekt im Bayerischen Wald sollte also der Frage nachgegangen werden, ob es auf dem Land unbedingt das Auto mit Verbrennungsmotor sein muss.

Quelle: ladesaeulenregister.de, Stand: 27.6.2019 © ZEIT ONLINE

Ein dichtes Netz an Ladesäulen gilt als Voraussetzung dafür, dass E-Fahrzeuge längerfristig akzeptiert werden. Der Dienstleister E-Wald stellte zahlreiche Stationen auf, an denen Autofahrer den Akku aufladen können. Rund 400 Ladepunkte sind im Bayerischen Wald allein im Rahmen des Modellprojekts entstanden, die meisten seien bis heute in Betrieb, sagt Anton Achatz, der bei E-Wald im niederbayerischen Teisnach die Geschäfte leitet. "Manche betreiben wir selbst, andere für Dritte", sagt er. Die E-Wald GmbH, eine Ausgründung der TH Deggendorf, unterhält inzwischen Ladestationen in ganz Deutschland, seit August gehört sie zu zum norwegischen Energiekonzern Statkraft. Aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium heißt es dazu, dass dies ein Zeichen sei für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Ob die E-Mobilität auch bei den Menschen angekommen ist, dazu hört man im Bayerischen Wald unterschiedliche Meinungen. Die SPD-Politikerin Rita Röhrl, Landrätin im niederbayerischen Landkreis Regen, sieht es als "hinlänglich bewiesen" an, "dass E-Mobilität auch in einer Region mit Hügeln und kalten Wintern funktioniert". Ganz ähnlich äußert sich ihr Amtskollege Franz Löffler, CSU-Politiker aus dem Nachbarlandkreis Cham in der Oberpfalz. 

Bei den Bürgermeistern der Gemeinden im Bayerischen Wald klingt das etwas anders. "Die Begeisterung in der Region hält sich in Grenzen", sagt Werner Blüml, Bürgermeister der 1.600 Einwohner zählenden Ortschaft Böbrach unweit des Großen Arbers. In der Gemeinde steht zwar noch eine Ladesäule, der Bürgermeister könne sie sogar von seinem Schreibtisch im Rathaus durchs Fenster sehen, berichtet er. "Aber ich sehe dort vielleicht alle vier Wochen mal ein Auto stehen", sagt Blüml. Und das, obwohl die Fahrzeughalter ihr E-Auto dort gratis laden können. Die Gemeinde übernimmt die Kosten.