Schnell verfügbar und leicht zu haben stehen E-Scooter am Bordsteinrand. Im Sommer waren sie plötzlich da und das Geschrei groß: Zugestellte Bürgersteige, umgeworfene Tretroller, ökologischer Unsinn. Die Rufe nach Regulierung waren schwer zu überhören, aber die meisten Städte schienen ratlos: Wie soll das gehen? Wie können sie der E-Scooter auf ihren Straßen Herr werden?

Fast allen deutschen Kommunen fehlt bei den E-Scootern ein echter Überblick über ihre Straßen. Deshalb schielen immer mehr Städte auf den Schatz, auf dem Voi, Lime, Tier, Uber & Co. seit Sommer sitzen: Nutzungsdaten.

Den Kommunen könnten solche Daten helfen, den Nutzen und die Auswirkungen der E-Scooter zu beurteilen, erklärt Burkhard Horn. Der Verkehrsplaner hat jahrelang Mobilitätsstrategien für deutsche Großstädte entwickelt, zum Beispiel in Berlin. Inzwischen arbeitet Horn als Berater im Bereich Verkehrspolitik. "Daten sind für Kommunen die Basis, um steuernd einzugreifen, wenn es nötig und möglich ist", sagt Horn. "Das geht aber im Regelfall nur in Kooperation mit den Anbietern."

Hamburg gilt als deutsches Vorbild

Bei den E-Scootern kommen bislang die wenigsten Städte an die Daten. Köln hatte zur Einführung im Sommer immerhin eine freiwillige Vereinbarung mit den Anbietern getroffen und erhält seitdem monatliche Zahlen. Ein Zeichen des guten Willens der Anbieter. "Gerade angesichts der teils sehr kritischen öffentlichen Diskussion scheinen die Anbieter derzeit sehr kooperationsbereit, auch hinsichtlich der Datenfrage", sagt Horn.

Wohin solche freiwilligen Vereinbarungen entwickelt werden können, macht Hamburg vor, die Stadt gilt hierzulande als Vorbild für andere. Bereits seit Ende 2018 habe man mit den Sharing-Anbietern Gespräche geführt, sagt die Stadt. Heute erhält Hamburg große Mengen anonymer Nutzungsdaten. "Wir wissen nicht nur, wie viele E-Scooter die Anbieter zur Leihe zur Verfügung stellen, sondern auch, wie häufig ein E-Scooter ausgeliehen wird und wann und wo die meisten Leihen stattfinden", erklärt Hamburgs Pressesprecher Christian Füldner.

Möglich ist das durch eine weitreichende freiwillige Vereinbarung mit den Scooter-Aufstellern – und dank der Software eines Hamburger Unternehmens. Das Programm von Wunder Mobility funktioniert so: Die Roller senden Daten an die Stadt, die Software analysiert und visualisiert sie. In Zukunft sollen neben E-Scootern auch andere Verkehrsmittel in die Plattform integriert und unterschiedliche Mobilitätsdaten gebündelt werden.

Vorreiter Los Angeles

Das Hamburger Modell hat einen großen Bruder in den USA. Los Angeles ist international der Vorreiter, auch weil sie in Kalifornien seit Jahren ein riesiges Problem haben: Das Verkehrsnetz der Millionenstadt kollabiert jeden Tag aufs Neue. Los Angeles hat zusammen mit anderen US-Städten einen Standard entwickelt, wie die Daten der Anbieter auf die Server der Kommunen übermittelt werden.

"Unser Job ist es, Menschen und Güter so schnell und sicher wie möglich zu bewegen. Das können wir aber nur, wenn wir das komplette Bild haben, was auf unseren Straßen ist und wo", sagte Seleta Reynolds, Chefin der Verkehrsbehörde von Los Angeles, beim Start des Projekts vor rund einem Jahr.

Ihre Zauberformel besteht aus drei Worten: Mobility Data Specification, kurz MDS. "Ein interessantes Format und Austauschprotokoll für Städte, bei dem Sharing-Anbieter detaillierte Informationen zur Nutzung ihrer Fahrzeuge bereitstellen. Dabei werden keine personenbezogenen Daten geteilt", sagt Gunnar Froh, Chef von Wunder Mobility. Hamburg war sein erster kommunaler Kunde, der die eigenen Straßen beobachten wollte. Vorher wurden die Programme vor allem Unternehmen und Start-Ups angeboten, die damit Scooter und andere Sharing-Angebote steuern.

In Dutzenden Städten Nordamerikas wird MDS inzwischen genutzt und auch vereinzelt in Europa. Dank eines Open-Source-Projekts haben Städte weltweit inzwischen Zugriff darauf. Auch das Hamburger Programm von Wunder Mobility hat den Standard aus L.A. adaptiert und darauf aufgebaut.