Aus ihren Daten aus Berlin schließt die Beratung civity, dass der Markt dort schon jetzt übersättigt ist. "Die Nachfrage ist zwar vorhanden, aber sie verteilt sich auf so viele Anbieter, dass in Summe zu viele Roller auf den Straßen sind", sagt Friedemann Brockmeyer, Berater bei civity. In der Hauptstadt sehen die Zahlen, die er und seine Kollegen zum Stand 30. September ausgewertet haben, die E-Scooter von Tier und Lime im Vorteil, die vergleichsweise gut ausgelastet seien.

Der US-Verleihdienst Bird ist erst vor wenigen Wochen in den deutschen Markt eingestiegen – tendenziell zu spät, vermutet Brockmeyer. Ob Konkurrent Jump erfolgreich sein wird, der ebenfalls vergleichsweise spät und bislang nur in Berlin und München gestartet ist, hängt für den Experten davon ab, wie viele Kunden der Anbieter bereits mitbringt. Denn hinter Jump steht der US-Mobilitätsdienst Uber, der in Deutschland wegen rechtlicher Hürden bislang keine große Rolle spielt, aber in anderen Ländern viele Nutzer hat. "Wenn Touristen oder Geschäftsreisende aus dem Ausland den Dienst über ihre Uber-App nutzen, dann hätte Jump eine Chance", sagt Brockmeyer.

Welche Anbieter sich in den kommenden Jahren auf dem deutschen Markt behaupten werden, dürfte von mehreren Faktoren abhängen. Das Geld und die Frage, welche Investoren am meisten davon verbrennen können, wird ein Aspekt sein. Doch um möglichst schnell in die Gewinnzone zu kommen, müssen die Unternehmen vor allem ihre Betriebskosten herunterschrauben. Nichts ist für die Anbieter so teuer, wie ihre Tretroller einzusammeln, aufzuladen und zu warten. "Die E-Scooter sind von außen betrachtet ein cooles Produkt, aber wenn man damit Geld verdienen will, muss man die Dinge richtig gut machen, die weniger sexy sind", sagt McKinsey-Partner Heineke.

Investieren, kooperieren, abgrenzen

Die Unternehmen scheinen bereits daran zu arbeiten. Die meisten weisen darauf hin, aus Gründen der Nachhaltigkeit und der Wirtschaftlichkeit robuste Gefährte mit langlebigen Akkus einzusetzen. Tier tauscht im November seine Flotte aus und will dann flächendeckend ein neues Scooter-Modell mit austauschbaren Batterien auf die Straßen bringen. Das senkt die Kosten, da es keine Transporter mehr braucht, die die kompletten Tretroller zum Aufladen bringen müssen, sondern bloß noch die Batterie ausgetauscht und aufgeladen werden muss. Dafür will Tier überwiegend Lastenfahrräder einsetzen – was obendrein die CO2-Bilanz der Scooter verbessert.

Weil es für die Nutzerinnen und Nutzer kaum einen Unterschied macht, ob sie auf einem elektrischen Zweirad von Voi, Bird oder Circ zur U-Bahn flitzen, versuchen sich die Verleiher voneinander abzugrenzen, indem sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So betont Claus Unterkircher, der das Deutschland-Geschäft von Voi verantwortet, das Angebot an die lokalen Verhältnisse vor Ort anzupassen und großen Wert auf einen Austausch mit den Kommunen zu legen. Damit wirbt auch Bird: Man habe etwa als Erstes Fahrverbotszonen mit Städten vereinbart. Uber hingegen setzt von Beginn auf verschiedene Gefährte und hat bereits vor den E-Scootern auch E-Bikes unter der Marke Jump auf die Straße gebracht.

Für den Erfolg der E-Scooter spiele es auch eine wichtige Rolle, wie die Angebote mit dem öffentlichen Nahverkehr verzahnt werden, sagt Berater Heineke. "Es ist schon ein erster Schritt, wenn in der ÖPNV-App die Roller eines Anbieters angezeigt werden." So handhaben es beispielsweise die Münchner Verkehrsbetriebe, die mit Tier kooperieren. "Der nächste Schritt sollten kombinierte Tickets für E-Scooter und die öffentlichen Verkehrsmittel sein", findet Heineke. So würden die Kunden Geld sparen – und die Tretroller möglicherweise öfter nutzen als bislang.

Der nahende Winter könnte die Anbieter auf ihre erste harte Probe stellen. Denn viele Menschen dürften sich Angenehmeres vorstellen können, als bei klirrender Kälte und Schnee auf einem Tretroller zu stehen. Die Verleiher haben deshalb aufgerüstet: Voi und Tier haben neue Modelle in Betrieb genommen, die für einen rutschigen und unebenen Untergrund entwickelt wurden. Circ betont, seine E-Scooter seien im ganzen Jahr einsatzbereit, bei Eis und Schnee wolle man sie allerdings aus Sicherheitsgründen von der Straße nehmen und die Kunden darüber informieren.