Bisher zahlt weniger als ein Prozent der Kunden eine freiwillige Abgabe für den Klimaschutz, wenn sie ins Flugzeug steigen. Dabei ist das leicht möglich – es gibt mehrere Onlineportale, die das Geld an Umweltprojekte weiterleiten. Die Lufthansa animiert Kundinnen und Kunden zumindest, einen Ausgleich für das durchs Fliegen produzierte Kohlendioxid zu zahlen, indem sie bereits bei der Onlinebuchung anbietet, diesen Zusatzbeitrag zu entrichten. Easyjet hat nun angekündigt, dies automatisch aus eigener Kasse für alle Passagiere zu tun. Kann man jetzt wieder guten Gewissens bei Easyjet fliegen?

Das Angebot richtet sich an Menschen, die sich zwar ums Klima sorgen, aber dennoch nicht aufs Fliegen verzichten wollen. Die Fluggesellschaft kündigte an, Projekte zu fördern, die dazu beitragen, die weltweiten CO2-Emissionen zu verringern. Der Ausstoß des klimaschädlichen Gases wird also an einer anderen Stelle ausgeglichen. Easyjet will etwa 30 Millionen Euro pro Jahr für die Kompensationen ausgeben.

Für die Projekte ist Easyjet nicht selbst verantwortlich – die Airline kauft sogenannte Emissionsminderungszertifikate von den Unternehmen EcoAct und First Climate, die auf Nachhaltigkeitsberatung und CO2-Kompensationen spezialisiert sind. First Climate ist ein deutsches Unternehmen mit Sitz im hessischen Bad Vilbel. "Wir liefern Easyjet Emissionsminderungsnachweise aus einem Portfolio von 13 zertifizierten Klimaschutzprojekten", sagt Benjamin Seitz, Bereichsleiter Kommunikation bei First Climate.  

Projekte in Südamerika und Afrika sollen den Menschen vor Ort helfen, die Waldbestände so zu nutzen, dass weniger Wald abgeholzt wird. Ein Projekt in Indien macht Sonnenenergie für die Menschen nutzbar. Es soll helfen, den Verbrauch an Strom aus fossilen Energieträgern zu verringern. Ein Projekt in Uganda und Eritrea dient der Reparatur von Brunnen, sodass die Menschen sauberes Wasser haben, ohne es abkochen zu müssen, was wieder CO2-Emissionen reduziert.

Easyjet verursacht derzeit 8,5 Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Das heißt, das Unternehmen zahlt weniger als 3,50 Euro pro Tonne CO2. Der Guardian berichtete, die Fluggesellschaft habe den niedrigen Preis pro Tonne CO2 damit begründet, dass sie einen Dreijahresvertrag abgeschlossen habe und eine große Menge an CO2 kompensiere. Es gibt also quasi Mengenrabatt.

Benjamin Seitz von First Climate erklärt das so: Der Preis für Emissionsminderungszertifikate setze sich zusammen aus der Finanzierung der einzelnen Klimaschutzprojekte und den Transaktionskosten. "Bei einer großen Menge von Emissionsminderungen – wie im Falle von Easyjet – sind die Transaktionskosten gegenüber kleinen Mengen, wie sie etwa im Privatbereich genutzt werden, viel geringer."

Laut einer Studie der NGO Ecosystem Marketplace von 2017 liegt der mittlere Preis für Kompensationen im Bereich des freiwilligen Ausgleichs bei etwa 2,70 Euro pro Tonne. Mit 2,50 Euro Preis läge Easyjet damit sogar leicht über dem Schnitt.

Kann man nun reinen Gewissens ins Flugzeug steigen, wenn man zusätzlich für Umweltprojekte zahlt? "Das Fliegen verursacht nach wie vor hohe Mengen an CO2 und man sollte immer versuchen, ein anderes Verkehrsmittel zu wählen", sagt Constantin Zerger, Bereichsleiter Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe. "Man kann auf keinen Fall wieder mit ruhigem Gewissen fliegen."

Die Emissionen werden zwar an anderer Stelle kompensiert – trotzdem entstehen sie im ersten Schritt. Aus Sicht der Fachleute erreicht die Kapazität, Emissionen an anderer Stelle wieder auszugleichen, irgendwann ihre Grenzen. "Je weiter wir fortschreiten im Klimaschutz, desto schwieriger wird es, Emissionen zu kompensieren", sagt Zerger. "Deshalb sollte das oberste Ziel sein, Emissionen zu vermeiden und zu reduzieren."

Flugscham ist die Ausnahme

Auch bei Easyjet sind sich die Verantwortlichen bewusst, dass das Emissionsproblem mit der Kompensation nicht gelöst ist. "Die Kompensationsmaßnahmen sind nur eine Übergangslösung, bis andere Technologien zur Verfügung stehen, die die CO2-Emissionen des Fliegens radikal reduzieren", sagt Easyjet-Chef Johan Lundgren.

Es gibt Menschen, die persönlich bewusst aufs Fliegen verzichten, die junge Umweltschützerin Greta Thunberg ist auf diesem Gebiet ein Vorbild. Doch dieses, auch durch die sogenannte Flugscham bedingte Verhalten ist die Ausnahme. "Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist Flugscham bisher ein Nischenphänomen", sagt Eric Heymann, Analyst bei der Deutschen Bank Research. Die Passagierzahlen seien über die Sommermonate weiter gewachsen. Das zeigt sich auch bei Easyjet: Im letzten Geschäftsjahr, das Ende September zu Ende ging, sind 96,1 Millionen Passagiere mit der Airline geflogen – ein Anstieg um 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dass sich Easyjets Ankündigung künftig in steigenden Passagierzahlen auswirkt, ist eher unwahrscheinlich. "Der Ticketpreis ist für viele Passagiere das wichtigste Entscheidungskriterium", sagt Analyst Heymann. Es sei daher fraglich, ob man mit einem Preisaufschlag für das gute Gewissen viele neue Kunden anziehe. Easyjet hat das berücksichtigt: Für die Passagiere ändere sich nichts, auch nicht die Flugkosten, heißt es auf der Website.

Generell seien Kompensationsmaßnahmen aber durchaus gut für das Image der Fluggesellschaften, sagt Analyst Heymann. Er kann sich vorstellen, dass Airlines demnächst noch mehr für den Klimaschutz tun. "Die Fluggesellschaften werden weiter im Fokus der Klimapolitik bleiben", sagt Heymann. Der Luftverkehr sei sehr sichtbar und werde politisch und medial stärker aufgegriffen als zum Beispiel die Tatsache, dass die Menschen in immer größeren Wohnungen wohnen oder immer mehr elektrische Geräte betreiben. Easyjet werde kaum die letzte Fluggesellschaft sein, die sich durch Ausgleichszahlungen für den Klimaschutz starkgemacht hat.