Der Zug ist noch keine zehn Minuten unterwegs, da fängt ein Mitfahrer an, die Tüte mit den Zimtschnecken durchs Abteil zu reichen. Zwei Pärchen, die sich gerade zum ersten Mal begegnet sind, sitzen in bequemen Jogginghosen nebeneinander, helfen sich gegenseitig, die Koffer unter den Sitz zu quetschen und teilen Süßigkeiten. Als die Stimme aus dem Lautsprecher verkündet, dass in den Wagen bereits ab 21 Uhr Nachtruhe herrsche, kichern sie wie Kinder auf Klassenfahrt. Es scheint zusammenzuschweißen, wenn man weiß, dass man gleich ein Schlafzimmer teilt. 

Es ist kurz vor halb neun an einem Mittwochabend, an dem der Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) vom Münchner Hauptbahnhof aus Richtung Süden steuert. Endstation: Rom. In einem Abteil stößt eine Gruppe von Freunden mittleren Alters mit Sekt an, daneben sitzt eine Familie aus Asien, ein paar Abteile weiter blickt ein Geschäftsmann konzentriert in seinen Laptop. Wenn sie am nächsten Morgen in Italiens Hauptstadt aufwachen, haben sie dort noch den ganzen Tag vor sich, ohne für ein Hotel bezahlt zu haben. Eine Fahrt im Nachtzug ist praktisch, gesellig, irgendwie romantisch und halbwegs günstig. 

Doch in einer Zeit, in der sich der Begriff der Flugscham im Vokabular vieler Menschen etabliert hat, steht er für mehr als eine praktische Jugendherberge auf Gleisen. Der Nachtzug könnte es vielen Menschen ermöglichen, klimafreundlich und zeitökonomisch durch Europa zu reisen. "Die Nachtzüge waren für uns immer ein stabiles Geschäft, aber seit einigen Monaten haben wir enorme Zuwächse und auf einigen Linien zehn Prozent mehr Passagiere", sagt Bernhard Rieder, Sprecher der ÖBB. 

Wer sich mit dem Nachtzugnetz in Europa befasst, kommt an den Österreichern nicht vorbei. Sie unterhalten vor allem in Zentral- und Südeuropa 18 eigene Linien, hinzu kommen acht, die gemeinsam mit Partnern betrieben werden. Die Strecke zwischen München und Rom ist eine davon, besonders gefragt seien aber auch die Verbindungen von Hamburg nach Zürich und Wien sowie zwischen Innsbruck und Hamburg. "Die Deutschlandverbindungen bilden das Rückgrat des Nightjets", sagt Rieder. 

Es hat einen Grund, warum die ÖBB inzwischen sogar auf Strecken durch Deutschland unterwegs sind, die nicht einmal durch Österreich führen, dort beginnen oder enden. Vor ziemlich genau drei Jahren hat die Deutsche Bahn ihre letzten elf verbliebenen Nachtzugverbindungen eingestellt. Das Geschäft mit den Schlaf- und Liegewagen sei eine Nische, hieß es damals aus der Konzernzentrale, eine teure und verlustreiche obendrein. Auch die ÖBB sehen die Nachtzüge nicht als ihr Kerngeschäft. Von jährlich 26 Millionen Fahrgästen im Fernverkehr transportieren die Österreicher ungefähr 1,4 Millionen in den Nachtzügen. Das sind nicht viel mehr als fünf Prozent. Doch sie glaubten an die Zukunft der Nische und kauften den Deutschen 42 Schlafwagen und 15 Liegewagen auf sechs Strecken ab.

Als die Nachtzüge noch im rot-weißen Anstrich der Deutschen Bahn durch Europa düsten, war Joachim Holstein 21 Jahre lang regelmäßig mit an Bord. Der ehemalige Steward und Betriebsrat bei der eingestellten Nachtzugsparte ärgert sich noch heute darüber, wie sein einstiger Arbeitgeber notwendige Reparaturen bei Nachtzügen verschoben und die Verbindungen in der Fahrplanauskunft regelrecht versteckt habe. Und die roten Zahlen, die der Konzern als Grund für die Einstellung genannt hatte? "Schlechtgerechnet" seien sie, sagt Holstein. Die Bahn habe schlicht keine Lust gehabt, notwendige Investitionen in die Sparte zu tätigen, weil die Prioritäten woanders gelegen hätten – beim ICE.

Heute arbeitet Joachim Holstein nicht mehr bei der Bahn, aber setzt sich noch immer für mehr statt weniger Nachtzüge in Europa ein. Er betreibt eine Website, auf der er Argumente für Nachtzüge zusammenträgt, und ist Mitglied des europäischen Netzwerks Back on Track, das sich für mehr Nachtverbindungen in Europa engagiert. Kürzlich organisierte das Bündnis sogar eine Konferenz, zu der nicht nur Nachtzugfans kamen, sondern auch Vertreter der ÖBB, der schwedischen Regierung und von Fridays for Future. Vor ein paar Jahren habe er mit seinem Einsatz für Nachtzüge noch als Nostalgiker gegolten, sagt Holstein. "Heute postet Greta Thunberg fröhlich Bilder aus dem Nachtzug", sagt er. In seiner Stimme klingt unüberhörbar Genugtuung mit.