Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Dieser Frage gehen wir in der Serie "Die Mobilmacher" nach.

Die Menschen auf dem Land sind abgehängt – diese oft wiederholte Phrase trifft offenbar nicht zu. Denn mit ihrer eigenen Mobilität ist die Bevölkerung außerhalb der Städte laut einer repräsentativen Studie des ADAC überwiegend zufrieden. Die Befragten haben demnach das Gefühl, ihre Ziele gut erreichen zu können – mit dem Auto. 55 Prozent nutzen Bus und Bahn fast nie.

Soll auch der Verkehr auf dem Land klimafreundlicher werden, muss die Politik vielerorts also zunächst wieder eine Alternative zum Privatauto aufbauen. Und zwar eine, die genauso attraktiv ist. Eine schwierige Aufgabe. Doch Verkehrsforscher und -forscherinnen sind sich größtenteils einig, welche Schritte nötig sind, damit der öffentliche Nahverkehr auf dem Land zumindest wieder eine Chance hat.

1. Macht den öffentlichen Verkehr schnell und flexibel

Busse und Bahnen müssen oft und schnell fahren. Viele Regionalzüge verkehren schon heute fast den ganzen Tag mindestens einmal pro Stunde. Dieses Konzept sollte die Politik auf die wichtigsten Busse ausweiten, sagt Verkehrsexperte Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Busse auf dem Land sollten nicht mehr in jedes Dorf fahren, sondern auf direktem Weg zwischen den größeren Städten unterwegs sein. Das aber dafür häufig, am besten einmal die Stunde. Dadurch entsteht ein Raster an Verbindungen, die ähnlich schnell sind wie das Auto.

Entsprechend diesem Konzept fahren in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen bereits 70 sogenannte PlusBusse. Der Nachteil: Der Bus hält bei diesem Konzept nicht in jedem Dorf. Dirk Wittowsky, Verkehrswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, empfiehlt, diese Orte mit kleinen Bussen oder anderen Fahrzeugen anzubinden, damit keine großen Busse fast leer herumfahren müssen.

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2. Organisiert die Wege zu den Haltestellen

Die zuständigen Gemeinden sollten an den Haltestellen vor allem ausreichend sichere Fahrradabstellplätze schaffen, fordert Jürgen Gies vom Deutschen Institut für Urbanistik. Bei einem dichten Busliniennetz würden die meisten Menschen nur wenige Kilometer von einer Haltestelle entfernt leben. Die Distanzen seien gut mit dem Rad oder dem E-Bike zu bewältigen. Bis autonome Fahrzeuge den Verkehr auf dem Land revolutionieren, dauere es dagegen noch Jahrzehnte, schätzt Gies. Gerade die größeren Haltestellen in Mittelzentren und Unterzentren möchten viele Verkehrswissenschaftler noch besser ausstatten. Dort sollen sich die Menschen verschiedene Fahrzeuge ausleihen können: Fahrräder, E-Bikes, Mopeds und E-Scooter. Sie sollen den Weg von und zur Haltestelle erleichtern.

Verkehrsforscher Knie schlägt vor, für den öffentlichen Verkehr zudem eine Ressource zu nutzen, die auf dem Land im Übermaß vorhanden ist: Privatautos. Per App könnten Fahrgäste eine Fahrt von der Haltestelle in die umliegenden Dörfer buchen, die Privatleute gegen Bezahlung übernehmen. Dafür müsste allerdings das Personenbeförderungsgesetz geändert werden. Bisher gibt es daher nur Pilotprojekte – etwa im Odenwald oder im Thüringer Wartburgkreis.

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3. Schafft ein umfassendes Radwegenetz

Es liegt auch an fehlenden Radwegen, dass nicht mehr Menschen mit dem Fahrrad zur nächsten größeren Haltestelle fahren. In Deutschland gebe es vor allem touristisch interessante Radrouten, sagt Verkehrswissenschaftler Mathias Wilde von der Hochschule Coburg. "Das bringt aber den Pendlern nichts." Für den Autoverkehr ausgebaute Landstraßen seien oft gefährlich.

Wilde fordert, dass zukünftig pauschal zehn Prozent des gesamten Straßenbaugeldes in die Radinfrastruktur fließt. Durchgehende Radwege auf dem Land wären auch für Moped- und E-Scooter-Fahrerinnen interessant. Wilde verspricht sich zudem viel von Radschnellwegen zwischen Metropolen und Umlandgemeinden. "In den Niederlanden fahren bereits viele Menschen mit dem Rad in die Städte. Das zeigt, dass sich diese Investitionen lohnen", sagt der Verkehrsforscher.

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4. Bringt Carsharing aufs Land

Mit schnellen Bus- und Bahnverbindungen und Verkehrsmitteln, die die Menschen auf dem Land zu den Haltestellen bringen, könnten Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen ohne eigenes Auto bewältigt werden. Doch wie soll man zum abgelegenen Sportplatz zehn Dörfer weiter oder zum Baggersee mitten im Wald kommen? "Diese Wege lassen sich mit dem normalen ÖPNV auf dem Land nicht gut organisieren", sagt Knie.

Die Lösung: Carsharing. Bisher gibt es jedoch erst vereinzelte Projekte. Eine staatliche Förderung halten viele Verkehrswissenschaftler für sinnvoll. Carsharing könne zudem auch kleinen möglichst effizienten E-Autos zum Durchbruch verhelfen. Denn im Alltag ist die Reichweite von E-Autos auch auf dem Land bereits heute ausreichend. Und für den Urlaub? Da würde ein Leihauto mit Verbrennungsmotor genügen.

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5. Baut kompakter und in der Nähe von Bahnstrecken

Viele Einfamilienhäuser und Gewerbeparks stehen abseits der alten Zentren – der Siedlungsbau der vergangenen Jahrzehnte bevorzuge automatisch den Autoverkehr, sagt Verkehrsforscher Wittowsky. In Zukunft – da ist sich die Wissenschaft weitgehend einig – sollten Wohnungen und große Arbeitsstätten wieder innerhalb der Ortskerne entstehen, am besten in Bahnhofsnähe. Das sorgt für kurze Wege für alle.

An den Haltestellen von mittelgroßen Städten möchte Andreas Knie zudem Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgungszentren und Coworkingspaces ansiedeln, "um den Menschen die Fahrt in die nächste Großstadt möglichst häufig zu ersparen". Diese Städte würden so auch zu Ankerpunkten im ländlichen Raum, die verhindern helfen, dass immer mehr Menschen in die Städte abwandern. Schnelle Internetverbindungen sollen zudem gesellschaftliche Teilhabe von zu Hause ermöglichen.

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6. Lasst Autofahrer den wahren Preis zahlen

Doch selbst wenn die Politik diese Ideen umsetzt, wäre die Dominanz des Verbrennerautos auf dem Land vermutlich noch nicht gebrochen. Menschen, die in ländlichen Räumen leben, tragen entscheidend dazu bei, dass hierzulande noch immer 75 Prozent aller Personenkilometer mit dem Auto zurückgelegt werden, wie die Studie "Mobilität in Deutschland" des Bundesverkehrsministeriums zeigt. Auch deshalb sind die CO2-Emissionen seit 1990 im Verkehrssektor nicht zurückgegangen, sondern sogar gestiegen.

Diesel und Benzin müssten teurer werden, fordert Verkehrsforscher Wilde. Die Fortbewegung mit dem eigenen Auto verursache hohe Kosten für die Gesellschaft, ein ehrlicher Preis solle das abbilden. "Der Automobilverkehr ist zudem gefährlich und verbraucht viel Fläche", sagt Wilde. Das sei insbesondere in den Städten ein Problem. Mit dem Auto einpendelnde Landbewohner trügen zu Staus und Raumnot bei, so Wilde. Neben einem höheren CO2-Preis solle die Politik deshalb auch darüber nachdenken, eine Städtemaut einzuführen.

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