"Man kann mit dem Zug weltweit verreisen" – Seite 1

Er ist Klimaaktivist, wollte aber trotzdem etwas von der Welt sehen. Wie reist man, wenn man nicht fliegen möchte? Der 19-jährige Student Elias Bohun aus Niederösterreich nahm einfach Fernzüge. Jetzt gründet er zusammen mit seinem Vater die Reiseagentur Traivelling, die klimafreundliche Fernreisen mit dem Zug auf der ganzen Welt organisiert.

ZEIT ONLINE: Elias, Sie wollten nach dem Abitur nach Sri Lanka reisen und hatten schon einen Flug gebucht. Dann sind Sie doch nicht geflogen. Warum?

Elias Bohun: Ich bin schon lange klimapolitisch aktiv. Aber nach dem Abitur wollten meine Freundin und ich etwas von der Welt sehen und ich dachte immer, man muss fliegen, wenn man weit weg will. Dann habe ich recherchiert und herausgefunden, dass es auch anders geht, dass man mit dem Zug weltweit verreisen kann. Nach Sri Lanka zu fahren war unmöglich, deshalb haben wir uns für Vietnam entschieden.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Reise organisiert?

Elias Bohun: Wir brauchten in jedem Land Leute, die für uns Tickets kauften und hinterlegten. In vielen Ländern kann man nämlich ohne die Bestätigung, dass man ein Reiseticket hat, gar kein Visum beantragen. Ich habe drei Monate recherchiert, um Reiseagenturen und Vermittler in den jeweiligen Ländern zu finden. Am Ende hat es geklappt. Die Reise nach Vietnam per Zug hat 16 Tage gedauert. Ohne Zwischenstopps geht das aber auch in acht Tagen. Wir waren dann viereinhalb Monate in Südostasien unterwegs – drei weitere Wochen hat die Rückfahrt gedauert.

ZEIT ONLINE: Welche Route haben Sie genommen?

Elias Bohun: Wir sind über Polen, Lettland, Russland, Kasachstan und China hingereist – und zurück über China direkt nach Russland und über die Ukraine nach Deutschland. 

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie dann auf die Idee, ein Reisebüro zu gründen?

Elias Bohun: Wir haben natürlich vielen Leuten erzählt, dass wir mit dem Zug gefahren sind. Das kam gut an. Freunde haben mich schließlich gefragt, ob ich ihnen so eine Reise auch buchen könne. Sie wollten ebenfalls auf das Flugzeug verzichten. So wurde mir klar, dass es gar kein Angebot gibt für Menschen, die sehr weite Strecken mit dem Zug reisen wollen.

ZEIT ONLINE: Herr Bohun, Sie sind der Vater – was ist Ihre Motivation, bei dem Reisebüro mitzumachen?

Matthias Bohun: Ich bin früher viel geflogen und durch Elias habe ich damit aufgehört – er ist ein Vorbild in unserer Familie und auch im Bekanntenkreis. Er wurde Vegetarier, hat sich sehr früh bei GLOBAL 2000 (eine österreichische Umweltschutzorganisation) engagiert. Ich habe das als Möglichkeit gesehen, mich in meinen Werten umzuorientieren, bin auch auf Fridays-for-Future-Demos gewesen, und das hat mich bereichert. Ich bin Lehrer und möchte das auch bleiben, aber ich habe jetzt meine Arbeit reduziert und möchte mit Elias gemeinsam ein tolles Projekt auf die Beine stellen.

ZEIT ONLINE: Eine Zugreise nach Vietnam dauert sehr lang. Auf Ihrer Webseite empfehlen Sie 14 Tage inklusive Übernachtungen. Wer hat so viel Zeit?

Elias Bohun: Es geht auch darum, dass man die Anreise als Teil des Urlaubs sieht. Wenn man nach Vietnam fliegt, steigt man hier ein und es ist kalt und man steigt dort aus und es ist heiß und tropisch. Mit dem Zug durchfährt man jede Klimazone der nördlichen Hemisphäre und sieht, was auf dem Weg liegt. Für mich waren die Zugfahrten der coolste Teil unserer Reise.

"Viele Flüge sind zu billig"

Elias und Matthias Bohun © Sascha Aumüller

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben viele Menschen nicht so viel Zeit. Wer ist Ihre Zielgruppe?

Elias Bohun: Zum Beispiel Menschen, die gerade mit der Schule fertig geworden sind, sich ein Sabbatjahr nehmen, aber auch Ältere, die zum Beispiel schon in Rente sind. Es gibt auch Firmen, die ihren Mitarbeitern mehr Urlaub geben, damit sie ökologisch reisen können. Und wir vermitteln nicht nur Reisen auf andere Kontinente, sondern auch innerhalb Europas. Da kann man an einem Tag sehr weit kommen, zum Beispiel bis nach Barcelona.

Matthias Bohun: Wir haben auch viele Anfragen von Familien mit Kindern, die mit dem Zug reisen wollen, weil es eine andere Erfahrung ist.

ZEIT ONLINE: Was ist daran anders?

Matthias Bohun: Man kann schon auf dem Weg eine schöne Zeit verbringen. Zum Beispiel von Wien nach Kroatien: Man steigt in der Früh ein, hat den ganzen Tag ein Abteil, kann Spiele spielen. Dazwischen eine Stunde Aufenthalt in Ljubljana, wo man aussteigen und essen gehen kann.

Elias Bohun: Wie Sie ahnen können, haben wir das letzten Sommer als Familie gemacht. Es sind wertvolle Erfahrungen, die man einfach nicht hat, wenn man zwölf Stunden im Flieger nach Thailand sitzt.

ZEIT ONLINE: Gerade bei Familien spielen die Kosten eine wichtige Rolle. Von München nach Barcelona kann man zum Beispiel für 35 Euro pro Person fliegen. Das ist mit dem Zug deutlich teurer.

Elias Bohun: Viele Flüge sind viel zu billig. Das ist ein Riesenproblem, daran können wir auch nichts ändern. Da muss die Politik etwas tun. Aber wir wollen, dass Leute merken, dass es sich lohnt, für eine Zugreise zu zahlen. Wenn mehr Menschen die Vorteile sehen und mit dem Zug fahren wollen, dann wird auch das Angebot besser. Und es gibt auch jetzt schon Orte, an die man sehr billig mit dem Zug fahren kann. Zum Beispiel von Wien nach Bukarest für 39 Euro beziehungsweise für 49 im Liegewagen und von dort für 35 Euro nach Istanbul.

ZEIT ONLINE: Noch befindet sich Ihr Unternehmen in Gründung, ab wann kann ich diese Reise bei Ihnen buchen?

Matthias Bohun: Wir möchten im Laufe des Januars eröffnen und freuen uns auch über Anfragen aus Deutschland. Schon jetzt kann man auf unserer Website Beispielrouten ansehen. Innerhalb der ersten zehn Tage haben wir dazu schon über Tausend Anfragen bekommen.

ZEIT ONLINE: Auch konkrete Reiseanfragen?

Elias Bohun: Die Menschen wollten wissen, wie man wohin kommt, was das bei uns ungefähr kostet. Wir haben gemerkt, dass wir für Zugreisende eine der wenigen Anlaufstellen sind, dass die Nachfrage groß ist.

Matthias Bohun: Das ist nicht eine Marktlücke, sondern ein Marktversagen. Wenn man es den Menschen nicht leicht macht, mit dem Zug zu fahren – natürlich fliegen sie dann.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten mit verschiedenen Anbietern zusammen. Wenn ein Zug Verspätung hat, kann ich dann im nächsten Land einen späteren Zug nehmen?

Elias Bohun: Nein, wir können nicht per se Anschlussgarantie bieten. Wir planen die Reisen aber so, dass die Wahrscheinlichkeit, den nächsten Zug zu verpassen, gering ist. Nach Vietnam zum Beispiel fährt man meistens über Nacht, kann sich tagsüber die Stadt ansehen und fährt am Abend weiter. Innerhalb Europas bieten wir den Menschen auch sinnvolle Intervalle zwischen den Umstiegen oder ermutigen sie, auf dem Weg zu übernachten.

ZEIT ONLINE: Buchen Sie auch die Übernachtungen?

Matthias Bohun: Nein, wir bieten keine Pauschalreisen an, sondern nur die Beförderung. Aber wenn man den Reiseplan mit den einzelnen Teilstrecken bekommt, kann man sich ganz leicht selbst die Hotels dazubuchen.

"Es ist einfach schön, langsam zu reisen"

ZEIT ONLINE: Eine Zugfahrt produziert zwar deutlich weniger CO2 als ein Flug, aber es fallen trotzdem Emissionen an. Müsste man nicht komplett auf Fernreisen verzichten, wenn man sich um das Klima sorgt?

Elias Bohun: Ich finde, dass Menschen die Möglichkeit haben sollten, einmal oder ein paarmal im Leben nach Südostasien zu reisen.

Matthias Bohun: Der Klimaschutz soll nicht dazu führen, dass wir uns in unserer lokalen Kultur einkapseln. Ich finde, es ist schon ein großer Fortschritt, wenn Menschen nicht mehr in den Urlaub fliegen. Ich bin ja auch Pädagoge und man muss sich schon Gedanken machen: Wo hat man interkulturelle Begegnungen? Wo lernt man? Wo findet persönliches Wachstum statt? Sicher nicht in einem Flieger, der mich nonstop um die halbe Welt bringt.

ZEIT ONLINE: Hat man bei einer Zugreise mehr interkulturelle Begegnung?

Elias Bohun: Ich habe auf der Hin- und Rückreise mehr mit lokalen Menschen gesprochen als in meinen viereinhalb Monaten in Südostasien. Wenn man als Tourist nach Vietnam oder Thailand fliegt, ist man in Hostels voller Holländer, Briten, Deutscher und Österreicher und hat mit denen mehr Kontakt als mit Einheimischen. Wir saßen in einem Zug voller Kasachen und Kasachinnen und alle wollten mit uns reden. Das ist ein Geben und Nehmen finde ich. Aber wenn ich nach Vietnam fliege, nehme ich nur und gebe nicht.

ZEIT ONLINE: Welche weiteren Vorteile hat das Fernreisen per Zug aus Ihrer Sicht noch?

Elias Bohun: Wenn man mit dem Zug nach Vietnam fährt, haben auch die Menschen auf dem Weg etwas davon. Von den Standbetreibern am russischen Bahnhof, wo man etwas zu Essen kauft, bis zu den lokalen Zugunternehmen. Die Wertschöpfung ist besser und, ich finde, auch fairer verteilt. Außerdem wird beim öffentlichen Verkehr das Angebot besser, je mehr Leute damit fahren. Deswegen unterstützt man mit den Zugreisen auch lokal nachhaltige Mobilität. Und es ist auch einfach schön, langsam zu reisen.