Viele Menschen haben sich an den Komfort ihres Autos gewöhnt und wollen darauf nicht mehr verzichten. Wie kann man trotzdem erreichen, dass sie nachhaltiger mobil sind? Jessica Le Bris, Beraterin bei Green City Experience, sagt, es gehe vor allem darum, die Vorteile der Verkehrswende aufzuzeigen.

ZEIT ONLINE: Frau Le Bris, das Auto war lange ein Wohlstandsversprechen – und plötzlich sollen sich die Menschen davon verabschieden. Wie geht man das an?

Jessica Le Bris: Eigentlich muss eine Stadt so gestaltet sein, dass die Menschen automatisch nachhaltig unterwegs sind, ohne sich eingeschränkt zu fühlen. Das ist die Vision. Um sie zu erreichen, darf der Autoverkehr nicht mehr die erste Priorität sein. Straßen verkleinern, Autospuren in Fahrradspuren umwandeln, Parkplätze teurer machen, so dass es ungemütlich wird, sich mit dem Auto fortzubewegen – das sind sogenannte Push-Faktoren. Sie pushen die Menschen dazu, das Auto stehen zu lassen. Neben Push brauchen wir außerdem Pull-Faktoren, was zum Beispiel heißt, den öffentlichen Verkehr attraktiver zu machen, damit er Menschen anzieht. Wenn kommunale Konzepte entwickelt werden, bleibt aber leider am Schluss oft nur noch Pull übrig. 

ZEIT ONLINE: Wieso? 

Le Bris: Push erfordert politische Restriktionen. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, was gut ist. Aber vielen Politikern fehlt der Mut, groß zu denken und einfach mal eine Straße zu sperren.

ZEIT ONLINE: Sie sehen offenbar nicht die nötigen Mehrheiten für eine Politik der Restriktionen. Gibt es die denn?

Le Bris: Das kommt auf die Methoden an, wie man die Bevölkerung abholt. Bei Veränderungen an der Infrastruktur sind die Bürger in der Regel im ersten Moment dagegen. Sie unterschätzen den Mehrwert von Restriktionen. Wenn die Stadt zum Beispiel beschließt, Fußgängerzonen zu erweitern, gibt es oft ein Riesenaufschrei, auch beim Einzelhandel, und danach finden die Menschen es doch ganz schön.

ZEIT ONLINE: Wie kann man die Bevölkerung für solche Maßnahmen gewinnen, wenn viele erst einmal dagegen sind?

Le Bris: Zum Beispiel durch Kommunikation. Es geht darum, den Diskurs zu verändern, das Thema nachhaltige Mobilität stärker in die Gesellschaft zu bringen, sodass auch die Politiker merken: Wir können das Thema nicht mehr unbeachtet lassen.

ZEIT ONLINE: Der Druck der Autogegner müsste groß genug werden?

Le Bris: Das könnte ein Baustein sein, zum Beispiel mit Demonstrationen. Aber es kann nicht die einzige Lösung sein. Wenn die Stadtgesellschaft sich keine großen Schritte traut, kann sie mit Modellprojekten arbeiten. Das bedeutet dann: Wir sperren ein paar Monate lang diese Straße und schauen, was passiert. Wenn es wirklich so schlimm ist, wie manche befürchten, dann machen wir die Maßnahme wieder rückgängig. Wenn es aber doch ein paar positive Effekte hat, dann können wir es verstetigen. Die Angst vor sich verhärtendem Widerstand lässt sich dadurch abmildern.

ZEIT ONLINE: Wieso braucht es überhaupt Push-Faktoren? Sie haben ja anfangs gesagt, das Ziel ist eine Stadt, in der man nachhaltig unterwegs ist, ohne sich eingeschränkt zu fühlen.

Le Bris: Das Auto hat einfach verdammt viele Vorteile, vor allem, wenn die Städte so gebaut sind wie jetzt. Ich kann jederzeit von A nach B, ich kann viel transportieren. Und viele haben sich daran gewöhnt, mit dem Auto zu fahren. Um Gewohnheiten zu verändern, sind auch Restriktionen nötig. Zu sagen: "Bitte, könntet ihr, es wäre doch schöner und ihr würdet CO2 einsparen" – das ist auf der verhaltenspsychologischen Ebene totaler Quatsch. Es ist ein abstrakter Wert, das betrifft mich nicht.