Vor der Grundschule Antoni Brusi in Barcelonas Innenstadtbezirk Sant Martí herrscht erwartungsvolles Gedränge. Es ist Mittwoch, der erste Tag nach den Weihnachtsferien. Wortfetzen fliegen durch die Luft, vor dem Ziegelsteinbau stauen sich ein paar Autos. Auch Josep García hat seinen Sohn zur Schule gebracht, dabei dürfte er mit seinem roten Seat Ibiza gar nicht mehr hierher. Sein Diesel ist Baujahr 2004. Vor 2006 zugelassene Dieselautos und vor 2000 zugelassene Benziner dürfen seit Jahresbeginn werktags zwischen 7 und 20 Uhr im gesamten Stadtgebiet nicht mehr fahren.

Die Stadtverwaltung will so die Luftverschmutzung senken. In Barcelona liegen die Werte für Stickstoffdioxide und Feinstaub seit Jahren über den EU-Grenzwerten. "Das ist ja alles richtig", sagt García und zuckt verlegen die Achseln. "Aber irgendwie muss ich zur Arbeit." Der Mittvierziger arbeitet in einem Großhandel in der Nähe des Flughafens und muss auf dem Weg dahin ein paar Kilometer durch die neue Umweltzone. Über die Kameras, die die Stadtverwaltung zur Kontrolle hat aufstellen lassen, weiß er Bescheid, über die Bußgelder zwischen 100 und 499 Euro, die ihm ab April drohen, auch. Was er dann tun wird? "Das sehen wir, wenn es so weit ist."  

Fahrverbote gibt es mittlerweile in einigen europäischen Städten, aber Barcelonas Fahrverbot ist besonders ambitioniert. Mit 95 Quadratkilometern umfasst die neue Umweltzone das gesamte Stadtgebiet. Das hat bisher keine andere Großstadt in Europa gewagt. 50.000 Autos sind nach Angaben der Stadtverwaltung betroffen. Doch am ersten regulären Arbeitstag nach den Weihnachtsferien ist der Effekt gleich Null. Auf den Rondes, den großen Ausfallstraßen entlang des Hafens und in der Oberstadt, zieht sich wie jeden Tag zäh der Strom der Pendler entlang. Auf der achtspurigen Hauptverkehrsachse Avinguda Diagonal geht es am frühen Vormittag im Stop and Go vorwärts. Nur an wenigen Windschutzscheiben klebt die vorgeschriebene kreisrunde Umweltplakette. Auch die Busse, Straßen und U-Bahnen sind an diesem Mittwoch nicht voller als sonst. Um gerade mal 2,4 Prozent ist der Verkehr laut Verwaltung im Vergleich zum Werktags-Mittel von November gesunken. Nimmt man den 8. Januar 2019 als Vergleichswert, tendiert der Effekt sogar gegen Null.

Kostenlose Nahverkehrstickets

Eloi Badia, der für ökologischen Wandel und Klimakrise zuständige Stadtrat, gibt sich betont vorsichtig und zurückhaltend, als er die Daten der Lokalpresse vorstellt. Vermutlich liege es an den fehlenden Sanktionen. Womöglich überlegten viele, ihr altes Auto demnächst gegen ein umweltfreundliches auszutauschen. Immerhin hätten sich 6.000 Bürgerinnen und Bürger für eines der drei Jahre gültigen kostenlosen Nahverkehrstickets registriert, mit denen das Rathaus den Umstieg schmackhaft machen will.

Für Barcelonas linksalternative Stadtregierung ist das Fahrverbot ein Prestigeprojekt. Als Bürgermeisterin Ada Colau im Mai 2015 ihr Amt antrat, gehörte eine umweltfreundlichere Stadt zu ihren zentralen Versprechen. Wer für einen Panoramablick auf den Tibidabo steigt, sieht an manchen Tagen eine rötlich-braune Haube über der der Metropole hängen. Als Hauptverursacher gilt der Verkehr. Mehr als die Hälfte der in Barcelona gemeldeten 960.000 Autos sind älter als zehn Jahre.

Im vergangenen Jahr hatte die EU den Europäischen Gerichtshof angerufen, um gegen Spanien wegen "systematischer Verstöße" gegen die Vorschriften zur Begrenzung der Stickstoffdioxid-Emissionen vorzugehen. Im Fokus standen die Metropolen Madrid und Barcelona. Da mögliche Sanktionen von der Zentralregierung an die Städte weitergegeben werden, drohten den beiden Städten Strafen in Millionenhöhe und zwangen sie zum Handeln.

In Madrid hatte die damalige linksalternative Bürgermeisterin Manuela Carmena bereits 2018 die Innenstadt für den gesamten Autoverkehr sperren lassen. Der Einzelhandel protestierte gegen die Umweltzone, die konservative Opposition wetterte über "freiheitsfeindliche Gesinnungspolitik", aber die Luftwerte verbesserten sich erheblich. Als Carmenas konservativer Nachfolger José-Luis Martínez Almeida sein Wahlkampfversprechen wahr machen wollte und die zur Begrenzung der Umweltzone aufgestellten Blumenkübel weghieven ließ, musste er die Aktion kurz darauf auf richterliches Geheiß rückgängig machen. Auch wenn die Verbote teils erheblich gelockert wurden, besteht die Umweltzone "Madrid Central" weiter.