Michael Ortmanns Problem lässt sich am besten bei Google Maps zeigen. Ortmann sitzt an einem großen Holztisch im Esszimmer seines Hauses in Berlin-Reinickendorf, einem Bezirk ganz im Norden Berlins. Er zeigt auf seinem Laptop: Wer von Berlin kommt und in diesem Moment in Richtung Brandenburg will, dem wird als kürzeste Route nicht die Bundesstraße B96 angeboten, sondern eine Abkürzung durch die Schildower Straße. Eine Minute sparen Pendler so laut Anzeige. Schon jetzt sind einige der Streckenabschnitte orange markiert, das bedeutet: hohes Verkehrsaufkommen.

Michael Ortmann, lärmgeplagter Anwohner der Schildower Straße in Berlin © Imre Balzer

Welche Auswirkungen das hat, kann Ortmann in seiner Wohnung hören. Denn die Schildower Straße führt direkt vor seinem Haus vorbei. Zwei Drittel des Verkehrs aus Brandenburg benutzten eher die Abkürzung durch das Wohngebiet als die Bundesstraße, sagt Ortmann. 700 Autos pro Stunde fahren in Spitzenzeiten an seinem Haus vorbei, so haben es Ortmann und seine Mitstreiter gezählt. Die Polizei hat die Zahlen bestätigt. Dabei ist die Straße eigentlich nur für 400 Autos geeignet. Am Tag macht das 7.000 Fahrzeuge, von denen laut Evaluation die meisten das Tempolimit von 30 Stundenkilometern überschreiten.

Seit 2017 wohnt Ortmann, von Beruf Mathematikprofessor, mit seiner Familie in der Straße. Den einzelnen Autofahrern will er keinen Vorwurf machen: "Das ist total verständlich, dass die das machen, die Strecke ist einen Kilometer kürzer und es gibt keine Ampel." Ortmann hat einen anderen Verantwortlichen ausgemacht: die Navigationssysteme. Denn die lenken die Pendler erst auf die Nebenstraße. "Der Verkehr sollte dahin gehen, wo es vorgesehen ist, nämlich auf die Hauptstraßen", sagt Ortmann. "Das wird aber durch die Navis kaputt gemacht, da diese die Routen individuell optimieren."

100 Millionen neue Autos jedes Jahr

Immer wieder berichten Anwohnerinnen und Anwohner von erhöhtem Durchgangsverkehr, der durch die Routenleitung von Navigationsgeräten entsteht. Etwa in München, wo vergangenen Sommer eine kleine Seitenstraße plötzlich zum Zubringer für Tausende Pendler wurde. Oder in Tirol: Hier stand der Verkehr immer wieder in ganzen Ortschaften still, weil Autofahrer, geleitet von ihrem Navi, den Stau auf der Autobahn umfahren wollten.

Im Wohngebiet um die Schildower Straße haben sich die Anwohner schon 2014 zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Immer wieder setzen sie sich beim Bezirksamt dafür ein, dass die Straße zur Einbahnstraße wird, nur noch für Anlieger frei ist oder durch Poller begrenzt wird. Bisher vergeblich.

Was den Mathematiker Ortmann aus privater Betroffenheit beschäftigt, ist für einen anderen Mathematiker Berufsinhalt: Heiko Schilling war bis Ende Januar für den Routen-Algorithmus bei der Navigationsfirma TomTom verantwortlich. Für ihn ist die Situation in Reinickendorf ein klassisches Optimierungsproblem. Denn die Ressource – weltweit 100 Millionen Straßenkilometer – ist begrenzt. Dem gegenüber stehen zwei Milliarden Fahrer, die mit ihren ungefähr 1,2 Milliarden Fahrzeugen täglich zur Arbeit, zu Freunden und Familie und wieder nach Hause wollen. Dazu kämen derzeit jedes Jahr rund 100 Millionen neue Autos, sagt Schilling. "Das heißt: Ihr Bedarf steigt permanent, während ihre Ressource, die Straßenkilometer, im Wesentlichen limitiert bleibt."

Verantwortung der Navi-Betreiber?

Schillings Beruf ist es, zu überlegen, wie die Ressource Straße optimal genutzt werden kann. Das Navigationssystem prüft zunächst die legalen Beschränkungen: Wo darf ich überhaupt wie schnell fahren? "Der Algorithmus berücksichtigt also, dass in der Schildower Straße Tempo 30 gilt und ich so unter Umständen schneller ans Ziel komme, wenn ich eine Umgehungsstraße wähle", sagt Schilling.

Auch zeitlich begrenzte Vorgaben, etwa, wo man abbiegen darf, kann der Algorithmus erkennen. Und das Navigationssystem lernt anhand von anonym erhobenen GPS-Informationen, wie viel Verkehr zu welchen Zeiten auf welchen Straßen ist. Entsteht auf bestimmten Strecken regelmäßig Stau, berücksichtigt das System dies für die zukünftige Routenplanung und weicht auf alternative Strecken aus.

Das alles führt dazu, dass vielen Autofahrern die Schildower Straße als schnellste Route angezeigt wird – zum Leidwesen der Anwohnerinnen und Anwohner. Warum also nicht einfach aktiv die Straße aus der Routenplanung herausnehmen?