9.629 – so viele Unfälle von Rad fahrenden Kindern zwischen sechs und 15 Jahren hat das Statistische Bundesamt vorvergangenes Jahr registriert. Die meisten Unfälle ereigneten sich vor neun Uhr oder nach 15 Uhr, also dann, wenn die Kinder auf dem Hin- oder Rückweg von der Schule sind. Sollte man Kinder also besser nicht mit dem Rad zur Schule fahren lassen? Eine Grundschule in Magdeburg geriet zuletzt in die Schlagzeilen, weil sie Eltern dazu angehalten hatte, Erstklässler nicht mehr mit dem Rad kommen zu lassen. Durch sogenannte Elterntaxis herrsche vor der Schule zu viel gefährlicher Verkehr.

Den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge waren 7.045 der Verkehrsunglücke auf Fehler der Kinder zurückzuführen, das sind rund 73 Prozent. Sie fuhren auf der falschen Fahrbahn, hatten Probleme beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren oder Anfahren, heißt es im Bericht. Offenbar waren einige noch nicht bereit für den Straßenverkehr. Aber wann sind sie das?

Ab wann ein Kind Fahrrad fahren kann, hängt vor allem von zwei Faktoren ab, erklärt Martin Kraft von der Deutschen Verkehrswacht: den körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Um sicher im Straßenverkehr unterwegs sein zu können, muss das Kind das Gleichgewicht halten, den Bremsweg einschätzen, Handzeichen geben, also einhändig fahren, die anderen Verkehrsteilnehmenden wahrnehmen und auf sie reagieren können – und das alles gleichzeitig. "Das ist schon für Erwachsene eine ganze Menge Holz, und erst recht für ein Kind", sagt Kraft.

Schulen können nur Empfehlungen aussprechen

Er geht davon aus, dass Kinder frühestens mit acht Jahren so reif sind, dass sie all diese Voraussetzungen mitbringen. Erst dann sei beispielsweise das Gehör so gut ausgebildet, dass es systematisch eingesetzt werden könne, um Gefahren zu erkennen. Auch die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit sei vorher noch nicht ausreichend ausgebildet. "Wenn ein Kind Federball spielen kann, dann kann es auch Fahrrad fahren", sagt Kraft. Denn dazu müsse das Kind mehrere Reize gleichzeitig wahrnehmen, auf sie reagieren und schon einen Schritt im Voraus denken können: laufen, anvisieren, treffen und zurückschlagen.

Rein rechtlich gibt es keine Einschränkungen, ab wann Kinder Fahrrad fahren dürfen. Nur wo sie unterwegs sein sollen, ist geregelt. Kindern ist es bis zu ihrem achten Geburtstag erlaubt, auf dem Gehweg zu fahren. Allein dort, wo ein Fahrradweg von der Straße baulich getrennt ist, dürfen auch Kinder unter acht Jahren auf den Radweg anstelle des Gehwegs. Auf die Fahrbahn gemalte Radfahr- oder Schutzstreifen sind für sie ohne Begleitung eines Erwachsenen tabu. Kinder zwischen acht und zehn Jahren dürfen sich zwischen Straße, Geh- und Radweg entscheiden. Wenn sie zehn sind, müssen sie dann auf dem Radweg oder der Fahrbahn fahren. 

Die Schule kann den Eltern nur eine Empfehlung aussprechen, ob und wann Kinder mit dem Rad zur Schule fahren sollten. Verbieten können sie es nicht, schließlich liegt die Aufsichtspflicht für den Schulweg bei den Eltern. Doch ADAC und die Deutsche Verkehrswacht sind sich einig, dass sich die Eltern trotzdem an die Empfehlungen der Schule halten sollten. Diese könne besser einschätzen, wie groß beispielsweise das Chaos durch Elterntaxis ist. Und ob genügend Stellplätze für die Räder vorhanden sind. Der Fahrrad-Club ADFC vertritt dagegen die Position, dass Eltern am besten einschätzen können, wann ihr Kind bereit für den Straßenverkehr ist.