Wer sich ein Elektroauto kauft, ist ein Jobkiller. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer das Medienecho über einen Bericht der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) verfolgte, einem Expertengremium der Bundesregierung. Bis zu 410.000 Arbeitsplätze könnten demnach bis 2030 in der deutschen Autoindustrie aufgrund des E-Autos wegfallen. Das wäre fast jeder zweite Job bei Autoherstellern und Zulieferern. Wer den Bericht und die Hintergründe jedoch genauer betrachtet, dem kommen Zweifel an diesem Horrorszenario.

Die NPM verwendet längst bekanntes Zahlenmaterial. Die Zahl 410.000 Arbeitsplätze stammt aus einem Forschungsbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Es ist ein Blick von oben auf die Auswirkungen der Elektromobilität in sämtlichen volkswirtschaftlichen Sektoren – nicht nur der Autoindustrie. Ein "unrealistischer Ansatz", hieß es gleich vom VDA, dem größten Interessenverband der deutschen Autohersteller. Dort bevorzugt man den Ansatz des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO).

Automatisierung ist der größere Faktor

Grundsätzlich ist es richtig, dass ein Elektroauto einfacher zu bauen ist, also weniger Arbeitskraft erfordert. Ein Verbrennungsmotor hat rund 1.400 Bauteile, ein Elektromotor kommt mit rund 200 aus. Das IAO hat deshalb ermittelt, wie viele Menschen an der Fertigung und dem Einbau von Antrieben beteiligt sind. In Deutschland kommt es auf rund 210.000 Menschen. Bis 2030 könnten 79.000 bis 88.000 davon ihre Arbeit verlieren – immerhin bis zu 42 Prozent. Allerdings geht der größere Teil darauf zurück, dass Unternehmen ihre Produktion immer weiter automatisieren. Nur 29.000 bis 43.000 dieser Stellen entfallen aufgrund des E-Motors.

Was unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannt ist, wirkt abseits der Fertigungsstraßen noch stärker. In der Arbeitsvorbereitung, Logistik, Wartung der Produktionsanlagen sowie weiteren indirekten Produktionsbereichen entfaltet die Digitalisierung ihre volle Wirkung. Hier werden immer weniger Menschen benötigt – vollkommen losgelöst von der Antriebsart eines Fahrzeugs.

Die Wende zu alternativen Antrieben federt diesen Vorgang möglicherweise sogar ab. Etliche Autohersteller setzen in ihren Werken auf flexible Fertigungslinien, auf denen Autos mit Verbrennungsmotor, Hybridantrieb und Elektroantrieb gebaut werden. "Durch die größere Variantenvielfalt ist eine Automatisierung hier jedoch schwieriger und daher auch teurer", sagt Manuel Fechter, Geschäftsfeldleiter Automotive beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung.

Auch Fechter sieht den drohenden Arbeitsplatzabbau, ist aber überzeugt, dass Unternehmen etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umschulen können. Schon heute könnten durch Fortschritte in der Automatisierungstechnik geschulte Facharbeiter auch ohne tiefgreifende Programmierkenntnisse den Arbeitsablauf von Robotern steuern, sagt Fechter.