Die teuren Schnellzüge, die bei der Reisezeit mit dem Flugzeug konkurrieren sollen, sind national wie international meistens kaum länger als vier Stunden unterwegs. Wer mit der Bahn echte Langstrecken fährt, muss oft die Züge wechseln – und die Anschlüsse sind häufig schlecht. Außerdem verkauft jede Bahngesellschaft ihre eigenen Fahrkarten. Durchgehende Tickets gibt es kaum. Lange Bahnfahrten in Europa kosteten so schnell mehr als 500 Euro, sagt Kris de Decker. "Wenn ich nicht die Reisekosten bei Konferenzen erstattet bekäme, könnte ich mir das nicht leisten." Der Tiefpunkt war für ihn Ende 2016 erreicht, als die Deutsche Bahn ihre Nachtzüge aufgab. Dabei machen Nachtzüge lange Zugreisen eigentlich erst praktikabel. Denn die langen Fahrzeiten stören schlafende Passagiere kaum.

Inzwischen hat sich die Lage etwas verbessert. Denn nicht nur übernahm die österreichische ÖBB einige Nachtzuglinien der Deutsche Bahn und rettete somit ein rudimentäres Nachtliniennetz in Mitteleuropa. Die europäische Zivilgesellschaft fordert auch immer lauter eine Renaissance der Nachtzüge. "Viele Menschen fragen sich derzeit, wie sie ohne Flüge auf Langstrecken reisen können", sagt Bernhard Knierim vom europäischen Bündnis Back on Track, das sich für den Erhalt der europäischen Nachtzüge einsetzt. Dank der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken könnten schnelle Nachtzüge inzwischen in einer Nacht theoretisch bis zu 1.500 Kilometer zurücklegen, sagt Knierim. Damit ließe sich Europa gut verbinden. So sei heute etwa ein Nachtzug von Frankfurt nach Barcelona denkbar. 

Knierim fordert die EU-Kommission auf, sich mehr zu engagieren: "Wir haben für Milliarden die Infrastruktur ausgebaut, aber dennoch fehlt es an durchgehenden Zügen." Das zeige, dass der Wettbewerb allein ein europäisches Schnellzugnetz nicht schaffen werde, meint Knierim. Stattdessen müsse die EU-Kommission europäische Nachtzüge fördern.

"Für Nachtzüge gibt es einen Markt"

Bei den europäischen Grünen trifft Back on Track dabei auf viel Zustimmung. "Nachtzüge sollten möglichst wenig für Schienennutzung zahlen", fordert Anna Deparnay-Grunenberg, die für die deutschen Grünen im Verkehrsausschuss des EU-Parlaments sitzt. Denn für die Nachtzüge, die meist wenig Geld bringen, sind hohe Trassenpreise traditionell eine besondere Herausforderung. Die EU solle zudem die Anschaffung neuer Schlaf- und Liegewagen unterstützen, sagt Deparnay-Grunenberg. Bahnunternehmen, die neue Nachtzugstrecken anbieten, solle die EU-Kommission eine zum Start eine Förderung gewähren.

"Für Nachtzüge gibt es einen Markt. Aber die Bahnunternehmen haben dieses Angebot jahrelang auf Verschleiß gefahren. Deshalb muss nun die Politik helfen", sagt Deparnay-Grunenberg. Auch bei den Konservativen, den Sozialdemokraten und Liberalen hätten Nachtzüge viele Freunde. Für die neue EU-Verkehrskommissarin Adina Vălean gehören Nachtverbindungen zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Und auch der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte zuletzt, er sei offen für Nachtzüge. Allerdings hatte die Deutsche Bahn erst im Dezember bekräftigt, das Geschäft nicht wieder aufnehmen zu wollen.

Der Vielreisenden de Decker hat jedenfalls wieder Hoffnung: "Jetzt, da so viele Menschen mit Nachtzügen fahren wollen, glaube ich wieder an die europäische Eisenbahn."