Deutschland steigt aus der Kohleverstromung aus, lässt aber im Sommer 2020 noch ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz: Datteln 4. Diese Entscheidung der Bundesregierung im sogenannten Kohlekompromiss empört viele Umweltschützerinnen. Heikel ist das nicht nur für den Kraftwerksbetreiber Uniper, sondern auch für einen Konzern, der derzeit versucht, sich als Vorreiter einer ökologischen Verkehrswende zu profilieren: die Deutsche Bahn. Denn der Staatskonzern hatte sich 2007 mehr als 400 Megawatt Leistung des 1.100-Megawatt-Kraftwerks gesichert.
Datteln wird damit voraussichtlich den gesamten Bahnstrom für
Nordrhein-Westfalen und ein Viertel des gesamtdeutschen Bahnstroms liefern. Das Kraftwerk ist überhaupt nur in
dieser Größe errichtet worden, weil sich die Deutsche Bahn in einem langfristig
laufenden Vertrag verpflichtet hat, diese gewaltige Strommenge abzunehmen. Die
Entscheidung für Datteln 4 fiel zu einer Zeit, als die Bahn auf einige wenige
Großkraftwerke setzte, um sich sicher und günstig mit Strom zu versorgen.
Doch nun, da Datteln 4 nach zehnjähriger Verzögerung wegen
Bauproblemen und Klagen schließlich ans Netz geht, droht das Kraftwerk für die
Bahn zu einem PR-Desaster zu werden. Denn eigentlich ist die Deutsche Bahn
längst auf eine Grünstromstrategie umgeschwenkt. Sie stattet, um das zu unterstreichen, sogar ICEs mit grünen statt roten Zierleisten aus. Derzeit nutzt die Bahn nach
eigenen Angaben bereits zu 60 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien, bis 2030 will sie mit 80
Prozent Ökostrom fahren und 2038 sollen elektrisch betriebene Züge dann
komplett klimaneutral unterwegs sein.
Gefährdet Datteln diese grünen Ambitionen nun? Die Bahn selbst äußert sich nur sehr zurückhaltend:
"Wir halten an unseren Ökostromzielen fest." Das Kraftwerks- und
Vertragsportfolio verändere man dafür grundlegend, teilt der Konzern mit. Die
Inbetriebnahme von Datteln 4 will die Bahn nicht direkt kommentieren.
Zu teure Entschädigung
Die Bahn hat in der Vergangenheit allerdings probiert, aus dem ungeliebten Datteln-4-Vertrag herauszukommen. Und zuletzt hatte sie gehofft, dass der Kohlekompromiss das Aus für Datteln 4 bringen würde. Die Kohlekommission, die von Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla geleitet wurde, hatte der Bundesregierung empfohlen, Uniper zu entschädigen und Datteln 4 nicht ans Netz gehen zu lassen. Der Bundesregierung war die Entschädigung jedoch zu teuer.
In einem Interview hat Uniper-Chef Andreas Schierenbeck nun
angekündigt, dass er Datteln 4 möglichst lange laufen lassen will.
Das Kraftwerk wird damit vermutlich bis weit in die Dreißigerjahre hinein
Bahnstrom aus Kohle liefern. Doch damit habe die Bahn ohnehin gerechnet, sagt der Energieexperte Frank Peter von
der Denkfabrik Agora Energiewende. Der Dattelner Kohlestrom sei in den Planungen der Deutschen Bahn sowieso enthalten gewesen. Kurzfristig werde sich durch Datteln 4 für die Bahn deshalb wenig ändern, so Peter.
Denn Uniper speise über den Umrichter in Datteln, der den Strom für die Bahn
auf die richtige Spannung bringt, bereits heute Steinkohlestrom aus anderen
Kraftwerken ins Bahnnetz ein.