Das Jahr begann mit Todesmeldungen. Innerhalb von drei Wochen wurden in Berlin und Hamburg drei Radfahrer und Radfahrerinnen von einem abbiegenden Bus, Lkw und Müllwagen übersehen, überrollt und getötet. Seit ein paar Jahren nimmt die Bevölkerung diese Vorfälle nicht mehr stumm hin. Initiativen und Einzelpersonen organisieren Demonstrationen und Mahnwachen, stellen Geisterräder an den Unfallstellen auf und fordern, dass sich etwas ändert.

Verkehrsforscherinnen wissen seit Jahrzehnten: Kreuzungen sind für Radfahrer und Fußgänger die gefährlichsten Stellen in der Stadt. Trotzdem haben tödliche Unfälle selten Konsequenzen. Dabei könnten etwa getrennte Ampelschaltungen für Radler viele Leben retten. Der Grund der Tatenlosigkeit ist so simpel wie makaber: Das vorrangige Ziel vieler Politiker und Planer ist immer noch, dass der motorisierte Verkehr fließen muss. Lösungen für mehr Verkehrssicherheit sind nur willkommen, wenn sie diesen Fluss nicht stören.

Mit dem ständig wachsenden Autoverkehr in den Städten spitzt sich das Problem zu. Städte und Kommunen wollen die Zahl der Radfahrerinnen steigern, um Staus und Luftverschmutzung zu verringern. Dabei sind viele Kreuzungen mit dem Ansturm an Autos, Fahrrädern, E-Bikes und E-Scootern jetzt schon überlastet und müssten dringend umgebaut werden. Nur wie?

Auto- und Radverkehr strikt trennen?

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) und viele Radaktivistinnen werben für die "sichere Kreuzung" nach niederländischem Vorbild. "Eine Kreuzung muss einfach und selbsterklärend sein", sagte Johan Diepens, CEO der niederländischen Mobilitätsberatung Mobycon während einer Fachtagung des ADFC. Jeder Radfahrer müsse intuitiv seinen Weg erkennen.

An den sogenannten sicheren Kreuzungen werden Radfahrer und Autofahrer strikt voneinander getrennt. In den Kurven setzen niederländische Planer Hindernisse auf die Fahrbahn, damit die Autofahrerinnen etwas länger geradeaus fahren, bevor sie rechts abbiegen. Der Übergang für die Radfahrer wird ein kleines Stück in die kreuzende Straße verlegt. Der Vorteil dabei: Der Pkw fährt gerade auf den Radweg zu. Das soll die Sicht zwischen den Verkehrsteilnehmern verbessern. "Die Menschen müssen sich in die Augen schauen können", sagt Diepens.

Die sogenannte Schutzkreuzung aus der Vogelperspektive © Timm Schwendy/​Darmstadt fährt Rad

Damit die Autofahrer nach der Kurve nicht sofort beschleunigen, haben die Niederländer Rad- und Fußwege an den Kreuzungen etwas erhöht gebaut. Diese kleine Erhebung soll die Autofahrer davon abhalten, gleich wieder Gas zu geben.

Die Schutzkreuzung aus der Nähe © Timm Schwendy/​Darmstadt fährt Rad

Deutsche Experten skeptisch

Oft sind jedoch nicht die Radfahrer gefährdet, die am Übergang warten, sondern die, die nachrücken. Insbesondere, weil viele Autofahrer den vorgeschriebenen Schulterblick vergessen. Deshalb plädiert Ludger Koopmann, stellvertretender ADFC-Bundesvorsitzender, für die niederländische Kreuzung. "Dort muss man nur den Kopf zur Seite wenden, um die nachrückenden Radfahrer zu sehen", sagt er. Das erhöhe die Sicherheit.

Deutsche Verkehrsexperten sind jedoch skeptisch. Die Sichtbeziehungen zwischen Lastwagenfahrern und nachrückenden Radfahrern verschlechterten sich an diesen Kreuzungen, kritisiert Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. "Außerdem werden die Abbiegeassistenten wirkungslos, weil sie nur auf Fahrzeuge reagieren, die sich in die gleiche Richtung fortbewegen", ergänzt Brockmann. Die Systeme, die Lkw-Fahrerinnen vor nahenden Radfahrerinnen und Fußgängern warnen, macht die EU ab 2022 schrittweise verpflichtend.