Im Verkehr geht es mit dem Klimaschutz einfach nicht voran: Die Emissionen sind seit 1990 nicht gesunken. Die Bundesregierung versucht, das zu ändern, indem sie über die Steuern Fliegen und Tanken teurer, Bahnfahren dagegen billiger macht. Der Verhaltensökonom Matthias Sutter warnt davor, allein auf finanzielle Anreize zu setzen. Er plädiert dafür, öfter ans Gewissen der Verbraucher zu appellieren.

ZEIT ONLINE: Herr Sutter, noch nie war das Bewusstsein für den Klimaschutz so groß. Und trotzdem steigen die Passagierzahlen im Flugverkehr. Ist die sogenannte Flugscham nur Wunschdenken der Klimaaktivisten?

Matthias Sutter: Wir leben zum Glück in wirtschaftlich guten Zeiten. Wenn sehr viele Menschen fliegen, etwa, um Geschäfte zu machen, hat man eine einfache Entschuldigung, es auch zu tun. Der Gedanke ist naheliegend, dass es auf mich gar nicht ankommt. Denn der Mensch als soziales Wesen vergleicht sich immer mit anderen.

Matthias Sutter ist Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Als experimenteller Verhaltensökonom interessiert er sich für menschliches Verhalten. © Matthias Sutter

ZEIT ONLINE: Würde es einen Unterschied machen, wenn bei jeder Buchung angezeigt würde, wie viel CO2 man dadurch verursacht? Oder wenn es konkreter wird, zum Beispiel: Zwei Quadratmeter Polareis schmelzen deinetwegen ab?

Sutter: Das kann ich mir gut vorstellen. Eine aktuelle Studie zum Energiesparen beim Duschen zeigt das. Wir haben einer Versuchsgruppe ein Smart Meter installiert, das ihnen anzeigt, wie warm sie duschen und wie viel Wasser sie verbrauchen. Das führte dazu, dass die Teilnehmer im Schnitt zwanzig Prozent weniger Wasser verwendet haben. Danach haben wir ihnen einen Energiebericht zugeschickt: Ihr Duschen führt zu so und so viel CO2-Ausstoß, es braucht so und so viel Bäume, um diese Emission auszugleichen. Daraufhin haben die Leute noch einmal zehn Prozent gespart.

ZEIT ONLINE: Immer mehr Menschen kompensieren ihre Flüge. Ist zu erwarten, dass sie über eine Ausgleichszahlung ihr Gewissen beruhigen und deshalb umso mehr fliegen?

Sutter: Es gibt aus der Forschung Hinweise, dass solche Optionen das Gegenteil von dem erreichen können, was sie sollen. Eine Studie hat untersucht, was passiert, wenn Eltern, die ihre Kinder zu spät aus dem Kindergarten abholen, eine Strafe zahlen müssen. Das Ergebnis: Mehr Eltern kommen zu spät.

ZEIT ONLINE: Wieso das?

Sutter: Die Eltern denken: Warum soll ich mich an eine soziale Norm halten, wenn ich stattdessen einfach bezahlen kann? Monetäre Anreize können oft unerwartete Nebenwirkungen haben. Denn Geld macht Normen unbedeutend. Das hat gerade eine neue Studie bestätigt, in der Unternehmen Lehrlingen eine Prämie bezahlt haben, wenn sie selten fehlen. Die Gruppe, der man das angeboten hat, hat sich häufiger krankgemeldet. Es entsteht das Gefühl: Wenn ich meine Strafe zahle, habe ich den Schaden behoben und verstoße gar nicht gegen die soziale Norm. Aus der Norm wird eine Geschäftsbeziehung. Das könnte auch bei Kompensationszahlungen passieren.