In Berlin rollen Radler vergnügt auf Spuren, auf denen sich bis vor Kurzem noch die Autos stauten. In Wien spielen Kinder in Wohnstraßen, die umgetauft wurden: Sie heißen nun nicht mehr "Straße", sondern Begegnungszone. In Brüssel werden viele Kilometer neuer Radwege geplant. Vancouver, New York und Budapest sperren Nebenstraßen für den Autoverkehr. Weltweit haben Großstädte die Ausgangssperren in den vergangenen Wochen klug genutzt – und den umkämpften öffentlichen Raum kurzerhand umverteilt. Jetzt gibt es weniger Platz für Autos und mehr für Fußgängerinnen und Radfahrer.
Klar ist das, wie so vieles andere auch, erst einmal ein Großstadtphänomen. Ganz früh mit dabei war Berlin-Kreuzberg. Dort bekamen Bauarbeiter von Anwohnern sogar Blumen geschenkt, als sie Autospuren in Pop-up-Radwege verwandelten.
Anders als man sofort vermutet, hatte das aber weniger mit dem grün-roten Lebensstil der Kreuzbergerinnen und Kreuzberger zu tun, sondern mehr mit deren Not, denn in den engen Vierteln der Großstädte leiden die Menschen besonders arg unter dem Mangel an Platz. In Corona-Zeiten, in denen nun auch noch temporär die Spielplätze gesperrt wurden, belastete das die Familien noch einmal mehr: Wie und wo soll man mit den Kinder denn noch spielen, wenn die Wohnung klein ist, sie auf die Rutsche nicht dürfen, auf die Straße aber auch nicht und auf dem Gehsteig mindestens 1,5 Meter Abstand halten müssen?
Nahverkehr im Virentest
Die Weltgesundheitsorganisation empfahl bereits zu Beginn der Pandemie, möglichst viel zu Fuß zu gehen und das Rad zu nehmen – weil man so den Abstand zu anderen am besten wahren kann. Damals ahnte allerdings noch keiner, dass das nicht nur vor Corona schützen, sondern in diesem Frühjahr auch aus anderen Gründen gesund sein würde. Seit Autos kaum noch benutzt werden, ist die Luft in den Städten so sauber wie seit Jahren nicht. Atmen ist 2020 viel weniger gefährlich als in den Jahren zuvor.
Mit jedem Tag, mit dem der Lockdown mehr gelockert wird, wächst nun allerdings die Sorge, dass der Platz zum Spielen, Radeln und Ratschen genauso wieder verschwindet wie die saubere Luft – wenn wieder mehr Menschen doch ins Büro, die Werkstadt oder Fabrik fahren. Dann ist es auch gut möglich, dass so manch einer, der bisher Bus oder Bahn genommen hat, nun lieber ins eigene Auto steigt. Weil nämlich die öffentlichen Verkehrsmittel zu voll werden könnten, dann dort der Sicherheitsabstand nicht mehr einzuhalten ist und die Infektionsgefahr wächst. Verkehrsplaner sorgen sich schon, dass der öffentliche Nahverkehr den Virentest nicht besteht.
Was also muss passieren, damit der Verkehr nach Corona nicht noch schlimmer wird als zuvor? Viel wird von der Energie der Bürgerinnen und Bürger abhängen. Sie müssen in den Rathäusern und Stadtparlamenten darauf drängen, dass die neue Fußgängerfreiheit nicht ganz einfach über Nacht wieder verschwindet. Sie müssen fordern, dass die Pop-up-Radwege bleiben und ausgebaut werden, damit das Rad jedenfalls in den Innenstädten die Alternative zum Bus wird. Und sie müssen immer und immer wieder mehr und bessere öffentliche Verkehrsmittel verlangen, also: mehr Busse, die häufiger und flexibler eingesetzt werden können, damit es sich in ihnen nicht so knubbelt; mehr Reinigungspersonal; längere und schnellere Züge, damit das Fliegen nicht nur wegen Corona unattraktiv bleibt. Kurz: Viel mehr Geld.
Was aber die Bürgerinnen und Bürger allein nicht schaffen werden, ist: die Verkehrswende in größerem Maßstab zu planen. Warum nicht jetzt beispielsweise rund um jede große Stadt die Radschnellwege ausbauen – damit auch bis 15 oder 20 Kilometer weit in die Zentren gependelt werden kann? Modelle gibt es in den Niederlanden, aber auch in Deutschland: die Nordbahnstraße Wuppertal, den eRadschnellweg Göttingen oder die Veloroute 10 in Kiel.
Bisher stehen im Etat des Verkehrsministeriums 25 Millionen Euro für Radschnellwege bereit. Zum Vergleich: 985 Millionen Euro gab der Bund 2019 für Fernstraßen aus. Muss man dazu noch mehr sagen?
Ja, eines vielleicht noch: Vor Corona war die Verkehrswende vor allem ein Ökoprojekt. Nun ist es praktizierter Gesundheitsschutz. Wer radelt, schützt sich und andere. Und die Gesundheit ist uns doch allen wichtig, oder?