Londons Verkehrsrevolution – Seite 1
So macht Radfahren in London fast schon Spaß. Auf der Park Lane, am östlichen Ende des Hyde Park, kommen Radlerinnen und Radler dieser Tage ganz ohne unnötigen Nervenkitzel aus: Die rasenden Sportwagen und ungeduldigen Taxis brausen in sicherem Abstand vorbei, abgetrennt durch ein Gitter. Die ganze linke Fahrbahn ist für den Radverkehr reserviert. Auch auf der Edgware Road, etwas weiter nördlich, hat die Stadtbehörde den Autos eine Fahrbahn abgezwackt, damit Fußgängerinnen und Radfahrer mehr Platz haben.
Solange Covid-19 um sich greift, kann die Stadt nicht so funktionieren wie bisher, ein neues Mobilitätskonzept muss her – eines, das den Einwohnern der Neun-Millionen-Metropole Raum zum Social Distancing gibt, ohne die Stadtluft noch mehr zu verschmutzen. London geht dabei weiter als vergleichbare Großstädte.
In einem urbanen Raum, in dem jeden Tag Millionen von Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, stellt Social Distancing eine riesige Herausforderung dar. Laut dem Deloitte Mobility Index wurden vor Corona 49 Prozent der Strecken innerhalb des Verwaltungsgebiets Greater London per Bus und Bahn zurückgelegt – deutlich mehr als in New York, wo mehr Menschen mit Autos unterwegs sind, aber auch mehr als in Paris, wo man gern zu Fuß geht. Dieselbe Zahl von Passagieren zu befördern, wenn sie einen Sicherheitsabstand von zwei Metern einhalten sollen, ist schlichtweg unmöglich.
"Benutzt unser Transportnetzwerk nicht"
"Unsere Welt steht Kopf", sagte Alex Williams, Stadtplaner bei der Transportbehörde Transport for London (TfL), vergangene Woche in einer Online-Podiumsdiskussion des Thinktanks Centre for London. Anstatt den Leuten die Nutzung des öffentlichen Verkehrs schmackhaft zu machen, heißt es von der Transportbehörde jetzt: "Benutzt unser Transportnetzwerk nicht."
Das bedeute auch, dass das Coronavirus das Geschäftsmodell von TfL kaputtgemacht hat: An einem normalen Arbeitstag sind in der Londoner U-Bahn rund vier Millionen Passagiere unterwegs – heute sind es noch höchstens 400.000, ein Rückgang von 90 Prozent. Die Regierung hat TfL bereits ein Rettungspaket im Umfang von 1,6 Milliarden Pfund (1,78 Milliarden Euro) zugesichert. Laut Williams wird weit mehr nötig sein.
Derzeit ist der Fahrplan der Tube, wie die U-Bahn genannt wird, noch stark eingeschränkt. Aber auch wenn der Normalbetrieb wieder aufgenommen wird, können die Züge aufgrund des Social Distancing maximal 15 Prozent der üblichen Passagierzahlen befördern. Und die roten Doppeldecker-Busse nehmen derzeit nur 20 Fahrgäste auf, weniger als ein Viertel ihrer Kapazität.
Wie sollen die Londonerinnen und Londoner denn zu ihrem Arbeitsplatz gelangen? Wenn möglich, mit dem Fahrrad oder zu Fuß, sagt Bürgermeister Sadiq Khan. Sein Mobilitätskonzept setzt ganz auf active travel – die Fortbewegung unter körperlicher Betätigung. Die zusätzlichen Rad- und Fußgängerzonen auf der Park Lane und vielen anderen zentralen Straßen sind Teil des Programms "Streetspace for London", das Khan im Mai vorstellte.
Größte autofreie Zone in einer Hauptstadt
Bislang sind unter dieser Initiative im Stadtzentrum über 15.000 Quadratmeter Straßenfläche für Radfahrer und Fußgänger reserviert worden. Wichtige Verkehrsachsen in der Innenstadt, etwa die 2,5 Kilometer lange Strecke von Old Street nach Holborn, sollen für den Autoverkehr komplett gesperrt werden – es wird die größte autofreie Zone in einer Hauptstadt weltweit sein. Zudem soll der Bau von Fahrradwegen, die bereits in der Planung sind, schneller vorangetrieben werden. Noch ist das Neudesign der Straßen als temporäre Maßnahme vorgesehen, aber laut TfL könnte ein Teil der Anpassungen dauerhaft bleiben.
Bürgermeister Khan stößt damit auf breite Zustimmung: Laut einer Umfrage begrüßen es 69 Prozent der Londoner, dass Gehsteige erweitert werden, und 64 Prozent finden es gut, dass zusätzliche Radwege bereitgestellt werden, um Social Distancing zu ermöglichen. Radfahren ist im Lockdown beliebt geworden: Laut Stadtplaner Williams hat die Nutzung von Leihrädern in den vergangenen Monaten um 20 Prozent zugenommen. Seine Behörde TfL erwartet, dass sich dieser Trend nach dem Ende der Corona-Einschränkungen fortsetzt: Nach Einschätzung der Behörde könnte der Radverkehr ums Zehnfache zunehmen, der Fußverkehr ums Fünffache. London Streetspace soll den Raum schaffen, der diese Mobilitätsrevolution ermöglicht.
So beschleunigt die Corona-Krise eine Entwicklung, die der Bürgermeister schon länger ins Auge gefasst hat: der umweltverträgliche Umbau des Londoner Verkehrssystems, in erster Linie über den Ausbau der Radwege. "Wir haben praktisch über Nacht erreicht, was wir schon seit 25 Jahren versuchen: die Leute zu nachhaltigen Fortbewegungsarten zu animieren", sagte Pat Brown vom Centre for London beim Event vergangene Woche. Schon kurz nach Beginn des Lockdowns ließ sich eine deutliche Verbesserung der Londoner Luftqualität feststellen.
Versuchung Auto
Aber die Erfahrungen im Ausnahmezustand lassen sich nicht so einfach auf den Alltagsbetrieb übertragen. Viele Londoner haben sich in erster Linie aufs Rad geschwungen, weil sie während der Corona-Einschränkungen von zu Hause arbeiteten und nicht ins Geschäft pendeln mussten – Radfahren als Freizeithobby, nicht als Fortbewegungsmittel. Den täglichen Arbeitsweg auf dem Sattel zurückzulegen, dürfte zwar für Leute in Frage kommen, die im Umkreis von einigen Kilometern ihres Wohnorts arbeiten. Aber London ist großflächig, und wer zum Beispiel vom Vorort Harrow ins Geschäftsviertel City of London pendelt, braucht stramme Beine, um die 20 Kilometer auf dem Rad zurückzulegen – und abends wieder zurück.
Die Versuchung ist groß, einfach aufs Auto umzusteigen: Hier kann man sich bequem von den Mitmenschen distanzieren, ohne sich anzustrengen. Tatsächlich setzen sich wieder mehr Londonerinnen und Londoner hinters Steuer: Noch vor wenigen Wochen war man in der Stadt bei lediglich 60 Prozent des Normalverkehrs, mittlerweile sind es laut TfL bereits 80 Prozent. Nimmt der Autoverkehr weiter zu, könnten alle Maßnahmen der Stadtbehörde zur Förderung der grünen Mobilität umsonst sein: Die Londoner Straßen wären noch verstopfter als vor der Corona-Krise, die Luft noch schlechter. Um das zu verhindern, wird die Citymaut in der Innenstadt – derzeit 11,50 Pfund (12,80 Euro) täglich – ab dem 22. Juni um 30 Prozent heraufgesetzt.
Radelt man die Edgware Road weiter nach Nordwesten, erhält man einen Vorgeschmack auf London als Autostadt. Irgendwann hören die Streetspace-Radwege auf, jetzt machen sich Radfahrerinnen, Busse und Lastwagen wieder den Platz streitig. Dicke SUVs versuchen, in den engen Straßen zu parken, hinten wird gehupt, ungehaltene Autofahrer versuchen gewagte Überholmanöver. In Kilburn steht ein Lieferwagen und verlädt Speiseöl, die Fahrzeuge hinter ihm stauen sich mehrere hundert Meter, ihre Motoren brummen.
"Das letzte, was wir in einer Lungenkrankheits-Pandemie brauchen, ist eine Luftverschmutzungskrise", sagt Will Norman, der Verantwortliche für Fuß- und Radverkehr bei der Londoner Stadtbehörde. Es gebe keine andere Option, als den umweltverträglichen Umbau des Verkehrssystems voranzutreiben.