Im September 2015 musste Volkswagen einräumen, dass es Dieselfahrzeuge illegal manipuliert hatte. Mehrere Automodelle stießen auf der Straße deutlich mehr Stickoxide aus als im Test im Labor. Peter Mock hat damals an einer Studie mitgearbeitet, die die Behörden überhaupt erst dazu veranlasste, die Abgasreinigung von Volkswagen genauer zu untersuchen. Fünf Jahre nach Bekanntwerden des Skandals spricht er im Interview darüber, wie seine Bilanz der Aufarbeitung ausfällt und ob der Abgasskandal sich wiederholen könnte.

ZEIT ONLINE: Herr Mock, wie kam es dazu, dass Sie vor fünf Jahren den Dieselskandal mit aufgedeckt haben?

Peter Mock ist Europachef des gemeinnützigen International Council on Clean Transportation. Das ICCT erstellt Studien zu den Umwelteinflüssen von Verkehrsmitteln und berät Verkehrs- und Umweltbehörden. Mock hat Chemie studiert und am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Ingenieurwissenschaften promoviert. © ICCT

Peter Mock: Es hatten schon vorher Institute und Behörden festgestellt, dass die Emissionen von Dieselfahrzeugen deutlich höher sind als offiziell angegeben. In der EU wurde geplant, ein neues Messverfahren einzuführen, aber es ging kaum voran. Um auf das Problem hinzuweisen, wollten wir dieselben Fahrzeugmodelle in den USA und Europa testen. So wollten wir zeigen, dass sie in den USA deutlich niedrigere Emissionen haben und die europäischen Tests verschärft werden müssen. Für den Test in Europa haben wir nicht genügend Projektmittel bekommen, nur für den in den USA. Wir haben die Universität West Virginia damit beauftragt, die Emissionen auf der Straße zu messen. Und die Umweltbehörde von Kalifornien war bereit, die Fahrzeuge im Labor zu testen. Bei den beiden Volkswagen, die dabei waren, waren die Emissionen auf der Straße viel höher, als wir erwartet haben.

ZEIT ONLINE: Und dann brach der Skandal los?

Mock: Nein. Zunächst haben wir die Ergebnisse in einem Bericht verarbeitet, in dem wir die Fahrzeugtypen nicht genannt haben, weil wir auf keinen Hersteller mit dem Finger zeigen wollten. Aber wer sich auskannte, konnte anhand der Parameter leicht erkennen, um welche Modelle es sich handelte. Den Bericht haben wir im März 2014 in den USA und Europa gleichzeitig vorgestellt. In Europa ist nichts passiert, aber in den USA war ein Vertreter der nationalen Umweltbehörde in der Konferenz. Die haben daraufhin eigene Untersuchungen gestartet und eine illegale Abschalteinrichtung gefunden. Davon wussten wir zunächst nichts. Erst als im September 2015 bekannt wurde, dass die US-Behörden gegen VW ermitteln, bekamen wir auf einmal ganz viele Presseanfragen.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie nur in Europa publiziert, wäre vermutlich gar nichts passiert?

Mock: Selbst als der Betrug bekannt war, hat man hier immer noch diskutiert: Wann ist eine Abschalteinrichtung illegal? Nur bei VW konnte man den Betrug nicht mehr leugnen. In den USA ist klar: Wenn sich das Fahrzeug anders auf der Straße verhält als im Labor, ist es eine illegale Abschalteinrichtung. In Europa wird es oft einfach hingenommen, wenn Hersteller bei der Abgasreinigung tricksen, zum Beispiel mit Hilfe von Temperaturfenstern. Die Abgasreinigung wird dann bei bestimmten Außentemperaturen abgeschaltet, angeblich um den Motor zu schützen.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie in fünf Jahren Abgasskandal am meisten überrascht?

Mock: Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass nicht nur einzelne Personen an den Abschalteinrichtungen gearbeitet haben, sondern ganze Teams und auch Führungskräfte. Da wurde viel kriminelle Energie reingesteckt, nicht um das Produkt zu verbessern, sondern um sich durch Betrug einen Vorteil zu verschaffen. Überrascht war ich auch, dass das nicht nur bei einem Hersteller passiert ist. Und dass sich die Öffentlichkeit so schnell an den Betrug gewöhnt hat. Bei Volkswagen war es noch ein großer Skandal. Bei anderen Herstellern war die Reaktion der meisten dann eher: Ach, noch einer.

ZEIT ONLINE: Weiterhin werden Autos wegen illegaler Abschalteinrichtungen zurückgerufen, zuletzt im Juni 170.000 von Daimler. Hätten Sie vor fünf Jahren gedacht, dass sich das so lange ziehen wird?

Mock: Nein. Ich dachte, die Politik ist richtig wachgerüttelt worden und hat gemerkt, dass fast eine ganze Industrie sie übers Ohr gehauen hat. Ich dachte, die Politik würde hart durchgreifen, strengere Standards setzen, Tests verbessern. Aber die zuständigen Behörden in Europa sind immer noch sehr schlecht ausgestattet.