Den Anruf am frühen Morgen wird der Berliner Bauunternehmer Karsten Schmidt so schnell nicht vergessen, er kam ihn teuer zu stehen. Sein Mitarbeiter am Telefon wirkte ratlos. Der Firmentransporter, ein Renault Master, klinge komisch, irgendwas sei da kaputt, als wenn der Auspuff abgerissen sei. Auch die Warnlampe für die Lambdasonde leuchte. Schmidt zögerte nicht, sondern stieg ins Auto. Für einen mittelständischen Bauunternehmer wie ihn ist es ein erhebliches Problem, wenn eines seiner Teams nicht mehr mobil ist. Auf dem Parkplatz angekommen legte Schmidt sich unter den defekten Transporter. "Ich hab gleich gesehen, da fehlt die Hälfte. Der Katalysator war weg, Kabel waren durchgeschnitten." So erinnert sich Schmidt Monate später an den ungewöhnlichen Morgen im Frühjahr.
Der Unternehmer holte die Polizei, erstattete Anzeige. Und so erfuhr Karsten Schmidt von einem Delikt, das ihm bislang unbekannt war, in Deutschland jedoch mehr und mehr Autobesitzer betrifft: organisierter Diebstahl von Autokatalysatoren. "Die Beamten erzählten, in der gleichen Nacht seien auf Parkplätzen in der Gegend noch bei zwei weiteren Kleintransportern die Katalysatoren geklaut worden."
Solche Polizeimeldungen kann man Woche für Woche irgendwo in Deutschland finden. Ob Hagen, Mönchengladbach, Suhl oder Bielefeld – den Katalysator zu stehlen, scheint Mode geworden zu sein. Kein Autotyp bleibt verschont, Volkswagen, Opel, Mitsubishi, Renault – betroffen ist demnach so ziemlich jede Automarke, die auf deutschen Straßen unterwegs ist. Und die Fälle nehmen offenbar stark zu.
Keine genaue Statistik
Wobei das eher eine Vermutung ist, denn bundesweite Statistiken über diese Taten gibt es nicht. Der Diebstahl von Fahrzeugkatalysatoren wird nirgendwo systematisch erfasst. ZEIT ONLINE hat diverse große Versicherer, Autovermieter, Autohersteller und Branchenverbände gefragt, die Antwort war immer gleich: "Das Phänomen ist bekannt und wahrnehmbar", schreibt beispielsweise die HDI-Versicherung. Genaue Zahlen dazu habe man jedoch nicht. Denn Polizei und Versicherungen speichern in ihren Systemen lediglich den Punkt "Teilediebstahl", ob es sich dabei um ein Navigationsgerät, um einen Airbag oder um einen Kat handelt, wird nicht erhoben. Doch einiges spricht dafür, dass es Täter in jüngster Zeit zunehmend auf Katalysatoren abgesehen haben. Denn die Abgasfilter, die unter jedem Pkw hängen, enthalten kostbare Rohstoffe, man kann sie gut zu Geld machen.
Das Phänomen des Rohstoffdiebstahls ist nicht neu. Seit Jahren werden überall in Deutschland Stromkabel gestohlen, um das darin enthaltene Kupfer zu verkaufen. Ganze Bahnstrecken wurden so bereits lahmgelegt, die Sicherheit vieler Reisender gefährdet. Steigende Rohstoffpreise machen diese gefährliche Art der Kriminalität attraktiv. Die Deutsche Bahn hat deswegen massiv aufgerüstet, sie sichert ihre Anlagen mit künstlichen DNA-Spuren und Schrotthändler kaufen längst nicht mehr jedes Kabel ungesehen an. Nun haben sich Diebe offenbar eine neue Rohstoffquelle erschlossen: die Katalysatoren.
In einem Kat stecken ungefähr fünf Gramm Platin. Außerdem noch ein paar Gramm Palladium und Rhodium. Diese Edelmetalle helfen dabei, die Stickoxide in den Abgasen in weniger gefährliche Stoffe wie CO2 umzuwandeln. Ein Gramm Palladium kostet auf dem Rohstoffmarkt derzeit mehr als 60 Euro, ein Gramm Rhodium – das teuerste Edelmetall überhaupt – bringt sogar knapp 380 Euro. Und selbst wenn ein Kat zwanzig Jahre lang seine Arbeit getan hat, die Edelmetalle darin bleiben unverändert und sie lassen sich recyceln. Gebrauchte Katalysatoren sind deswegen wertvoll, 60 bis 600 Euro zahlen Schrotthändler pro Stück, je nach Größe und damit der Menge an Edelmetall. Genug, um den Diebstahl zu einem lohnenden Geschäft zu machen.
Rohstoffpreis ist stark gestiegen – durch Kats
Die Preise für Palladium und Rhodium sind in den vergangenen fünf Jahren stark gestiegen. Ursache ist vor allem der weltweit wachsende Bedarf an Katalysatoren. Beide Stoffe werden hauptsächlich in der Autoindustrie verbaut und die benötigt mehr, als Bergbauunternehmen aus der Erde graben können. Recycling wird daher immer wichtiger und damit der Ankauf gebrauchter Kats.
Einen Kat zu klauen ist auch nicht sonderlich schwierig. Ein Rohrschneider, ein kleines Gerät, das um das Auspuffrohr gespannt und dann mehrmals gedreht wird, kostet bei eBay 30 bis 40 Euro. Ebenso schnell, nur lauter, geht es mit einer batteriebetriebenen Flex oder Säge. Geschickte Diebe brauchen nicht einmal eine Minute, um einen Kat aus dem Auspuff eines geparkten Autos zu holen, wie Überwachungsvideos solcher Taten zeigen. Bei Kleintransportern oder Lkw müssen die Täter das Fahrzeug dazu nicht einmal aufbocken.
Kleintransporter seien häufig das Ziel, weil die Katalysatoren bei ihnen einfach zu demontieren seien, sagt Robert Paries, der als Kfz-Gutachter auch solche Fälle gesehen hat. "Transporter sind hoch und man kann sich leicht darunterlegen. Sie haben oft auch keine Unterbodenverkleidung."
Den Anruf am frühen Morgen wird der Berliner Bauunternehmer Karsten Schmidt so schnell nicht vergessen, er kam ihn teuer zu stehen. Sein Mitarbeiter am Telefon wirkte ratlos. Der Firmentransporter, ein Renault Master, klinge komisch, irgendwas sei da kaputt, als wenn der Auspuff abgerissen sei. Auch die Warnlampe für die Lambdasonde leuchte. Schmidt zögerte nicht, sondern stieg ins Auto. Für einen mittelständischen Bauunternehmer wie ihn ist es ein erhebliches Problem, wenn eines seiner Teams nicht mehr mobil ist. Auf dem Parkplatz angekommen legte Schmidt sich unter den defekten Transporter. "Ich hab gleich gesehen, da fehlt die Hälfte. Der Katalysator war weg, Kabel waren durchgeschnitten." So erinnert sich Schmidt Monate später an den ungewöhnlichen Morgen im Frühjahr.