Die Denkfabrik Agora Verkehrswende fordert, Klimaschutz und Infrastrukturplanung künftig zusammenzudenken. Dafür müsse allerdings der Bundesverkehrswegeplans (BVWP) überarbeitet werden. Der Plan regelt den Aus- und Neubau von Straßenprojekten. "Klima- und Naturschutz kommen in der Nutzen-Kosten-Analyse der BVWP-Projekte zu kurz", sagt Philipp Kosok, Projektleiter Öffentlicher Verkehr bei Agora Verkehrswende. "Oft reicht für eine positive Bewertung eines Bauvorhabens, dass die Menschen schneller ans Ziel kommen."

Die Denkfabrik fordert deshalb ein einheitliches und transparentes Vergabeverfahren einzuführen, das zu den Klimazielen passt. "Im Grunde muss jedes Bauprojekt zukünftig dazu beitragen, dass Emissionen gesenkt werden", sagt Kosok. "Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, werden wir nicht drumherum kommen, große Autobahnprojekte zu streichen." Vereinfacht gesagt fordert die Denkfabrik einen Klimacheck der gesamten Projektliste, auf deren Basis die Entscheidung über den Aus- oder Weiterbau für alle transparent getroffen wird.

Vertikale Farm statt Autobahn

Ein solcher Klimacheck würde auch der Debatte in Berlin helfen. Einen möglichen Abriss der im Bau befindlichen Strecke findet SPD-Spitzenkandidatin Giffey verrückt. Allein aufgrund der hohen Kosten. Die sind tatsächlich immens: Rund 700 Millionen Euro kostet der 3,2 Kilometer lange Bauabschnitt. Das sind rund 200.000 Euro pro Meter. Für viele ist es schon deshalb undenkbar, die Baustelle aufzugeben.

Einen Ausweg zeigt der Berliner Verein Paper Planes auf. Der Zusammenschluss aus Architektinnen, Zukunftsforschern und Stadtplanern hat eine Vision für die Nutzung eines Abschnitts des sieben Meter tiefen und 30 Meter breiten Autobahntrogs vorgestellt: die Morgenfarm. Das ist eine sogenannte vertikale Farm, die Berlin mit frischem Gemüse versorgen könnte. Ein mit Sonnenkollektoren versehenes Dach soll Strom für Beleuchtung und Lüftung erzeugen. Vertical Farming ist derzeit ein weltweiter Trend. Mit einem solchen Alternativprojekt würde sich Berlin ein Symbol für innovative, nachhaltige Landwirtschaft mitten in die Stadt setzen und gleichzeitig für mehr Klimaresilienz sorgen. 

In Seoul, Utrecht und Rochester profitieren die Anwohnerinnen und Anwohner bereits vom Rückbau ihrer Stadtautobahnen. Die Luftqualität hat sich dort verbessert und die Kanäle kühlen im Sommer die Stadt. In 30 weiteren amerikanischen Städten, darunter Detroit, Dallas und New Orleans, sollen nun ebenfalls Stadtautobahnen zurückgebaut werden.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes stand, die A100 sei als Berliner Ring bekannt. Dabei handelt es sich jedoch um die A10. Die A100 trägt den Beinamen Berliner Stadtring. Das haben wir korrigiert.