Der Funk ist eine anrüchige Angelegenheit. Mit fumet bezeichnete man im alten New Orleans die Geruchsmischung aus Schweiß und Rauch in den Bordellen. Recht bald wurde daraus der Slang-Begriff funky . In der Frühzeit des Jazz umschrieben Musiker damit eine langsame, lasziv verzögerte Spielweise: der perfekte Soundtrack zum Geschlechtsverkehr. Es sollte allerdings eine Zeit dauern, bis das Adjektiv zu einem Substantiv und somit zur Bezeichnung eines eigenen Stiles werden sollte. James Brown , den man fälschlicherweise den Godfather of Soul nennt, war der Geburtshelfer des Funk. Im Februar 1965 nahm er in einem Studio in North Carolina das Stück Papa's Got A Brand New Bag auf. Obwohl es in seinem Blues-Schema und durch Browns Gesangslinien noch deutliche Verwandtschaft zu der Soul-Musik und dem Rhythm & Blues der damaligen Zeit erkennen ließ, brachte es entscheidende Veränderungen. Im Zentrum stand der in der Endabmischung von der Stimme und den anderen Instrumenten getrennte Bass. Und neben ihn traten die Rim-Shot-Schläge der Drums. „Ich hatte entdeckt, dass meine Stärke nicht in den Bläsern lag“, sagte Brown später, „sondern im Rhythmus. Ich hörte alles, auch die Gitarren, als sei es Schlagzeug.“ Rasant entwickelte der Sänger seinen Stil weiter. Sein Nummer-Eins-Hit Cold Sweat aus dem Jahr 1967 bestand nur noch aus perkussiven Gitarrenläufen, pointierten Bläser-Riffs und den kurzen gutturalen Schreien des Band-Anführers: Alles war Rhythmus geworden. Den Höhepunkt der Revolution erreichte Brown 1970 mit seiner zweifellos bekanntesten Nummer Sex Machine .

„Sicher, viele Leute mochten den Gesang von James Brown. Aber noch mehr mochten sie seine Art zu tanzen“, meint Browns langjähriger Weggefährte, der während der Neunzigerjahre zu neuem Ruhm aufgestiegene Altsaxofonist Maceo Parker . „Es musste also eine Musik her, die zu seinem Tanz passte. So entstand der Funk.“ Der Wille zum Tanz führte zu einer allmählichen Auflösung der Grenze zwischen Publikumsraum und Bühne. Die Rhythmus-Exzesse wurden immer länger, die markante melodiöse Individualität des einzelnen Liedes immer geringer, bis die Shows von James Browns Nachfolgern George Clinton , Kool &The Gang oder Sly And The Family Stone irgendwann religiösen Riten ähnelten. Forscher erklärten das Phänomen mit dem Erbe der afrikanischen, speziell westafrikanischen Musik, die sich durch prinzipielle Endlosigkeit auszeichnet und in der weder Anfang und Schluss, noch die Dramaturgie dazwischen abgesprochen ist.

Tatsache ist: Alle nennenswerten Umstürze innerhalb der populären Musik der vergangenen vierzig Jahre folgten dem Prinzip Funk. In den Siebzigern erzeugte es die Disco-Welle, dann brachte es den Jazz von Herbie Hancock und Miles Davis zum Schwitzen, den Soul von Stevie Wonder zum Köcheln und den Gitarren-Rock zum unendlichen Gniedeln – stets auf der Basis synkopierter Basslinien, Wah-Wah-Gitarren und stakkatohafter Keyboardkürzel. Anfang der achtziger Jahre führte der Rap den Funk mit nochmals verknappten Mitteln fort, nicht nur formal, sondern auch inhaltlich – indem er die markanten Bassläufe und Schlagzeugbreaks der Funk-Platten als Rhythmusgrundlage unter den Sprachgesang schob. Zuweilen holten sich die Funk- und Disco-Pioniere ihre Erzeugnisse auch wieder zurück und bemächtigten sich ihrerseits der erfolgreichen Raps der HipHopper – wie das Beispiel der Band Chic belegt, die bei ihren Live-Konzerten gerne den Wortlaut des Stückes Rapper’s Delight der Sugarhill Gang zitiert. Die Gang hatte Chic einst unverfroren eine großartige Basslinie geklaut.

In den Achtzigern wurde Prince ob seiner konsequenten Weiterentwicklung des Funk zum einzigen Weltstar mit Innovationskraft ausgerufen, gleichzeitig feierten alte Funk-Gruppen wie Cameo unter Synthesizer-Einsatz ihr Comeback. Selbst die Neue Deutsche Welle bediente sich in Gestalt der Fehlfarben und ihres Hits Ein Jahr (es geht voran) beim Funk. Ohne ihn wären die Ende des Jahrzehnts einsetzenden mehrtägigen Tanzexzesse des Techno und des House nicht denkbar gewesen.

1985 produzierte George Clinton die zweite Platte der damals noch unbekannten Red Hot Chili Peppers . Damit war eine Funk-Ikone auch maßgeblich an der Entstehung des Alternative- oder Crossover-Rock beteiligt, der in den Neunzigerjahren so erfolgreich über die Welt kam. Clinton, der einst mit seinen durchgeknallten Bühnenshows – irgendwo zwischen Drogenparty, Science Fiction und kölschem Karneval anzusiedeln – bekannt wurde, inspirierte gleichfalls die deutsche Spaßgesellschaft. So war Stefan Raabs Kleidung beim Wadde hadde dudde da -Auftritt auf dem Eurovision Song Contest 2000 eine Verbeugung vor Clintons Bassisten Bootsy Collins.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends hat der Funk neues Interesse geweckt. Vinyl-Archäologen durchsuchen Archive und Flohmärkte nach raren und unbekannten Aufnahmen, Kompilationen sonder Zahl werden herausgebracht, Websites und Blogs widmen sich dem Thema (wie www.funk45.com , www.soulstrut.com oder http://superdeluxe.typepad.com/funk_you/ ). Arrivierte Künstler wie Prince kehren nach Irrwegen erfolgreich zu ihren Ursprüngen zurück (die Alben Musicology sowie 3121 liefern dafür schweißtreibende Belege). Junge Bands und Musiker wie Soulive , Breakestra oder Eric Wahlforss entdecken den Funk an Orgel, Mikrofon oder Laptop neu. Der Funk, er riecht immer noch.

Credits zu den Musikstücken

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