Tunis/Paris (dpa) - Das von tagelangen blutige Unruhen erschütterte Tunesien sucht nach dem Sturz von Dauerpräsident Zine el Abidine Ben Ali nach einem Weg aus der Krise.

Der von ihm eingesetzte Nachfolger, Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi gab am Samstag keine 24 Stunden nach seiner Amtsübernahme die Macht an Parlamentspräsident Foued Mebazaa ab. Ob dieser in der Lage ist, das Land dauerhaft zu beruhigen, muss sich erst zeigen. Er ist einer von Ben Alis Vertrauten und gilt ebenfalls als korrupt.

Immerhin steht jetzt fest: Eine Rückkehr Ben Alis ist ausgeschlossen. «Benavie» (etwa: Ben auf Lebenszeit), wie die Tunesier den Mann nannten, der sie 23 Jahre lang regierte, hat sich ins Exil abgesetzt. Weil Paris seinen alten Verbündeten am Ende fallen ließ, musste er in Saudi-Arabien Unterschlupf suchen. Das Land hat ein Herz für gestürzte Diktatoren.

Seine Frau Leila, deren geld- und machtgieriger Trabelsi-Clan das Land wie eine Krake im Griff hatte, war schon vor Tagen nach Dubai geflohen. Ein Schwager Ben Alis wählte ein statusgerechtes Fluchtmittel: seine Luxusjacht. Andere Verwandte hielten sich ausgerechnet in einem VIP-Hotel im Disneyland bei Paris auf. Einige Familienmitglieder hatten weniger Glück. Sie saßen schon im Flieger nach Lyon, doch der Pilot weigerte sich abzuheben. Die Passagiere hielten sie in Schach, schließlich wurden sie festgenommen.

Stabilisierende Kraft im Land ist derzeit die Armee. Sie hatte sich bereits in der Vergangenheit nicht von der Politik instrumentalisieren lassen. Es waren Polizisten, die auf Demonstranten schossen. Und es soll auch die Führung der Armee gewesen sein, die Ben Ali zum Aufgeben gedrängt hat und den Flughafen sperrte, um ihm die Flucht zu ermöglichen. Derzeit arbeitet sie mit den überall gebildeten Bürgerwehren zusammen, mit den sich die Menschen im Land mit Erlaubnis der Regierung vor neuen Plünderungen schützen.

Die Polizei war nach Ben Alis Abflug zum eigentlichen Unruhestifter geworden: Insbesondere die Präsidentengarde soll an zahlreichen Plünderungen und Zerstörungen beteiligt gewesen sein. Im Internet kursiert der Ratschlag: «Wenn die Polizei klingelt, nicht aufmachen!» Das gesamte Wochenende über machte die Armee Jagd auf die Elite-Polizisten des Ex-Präsidenten. Wie viele Tote es gab, war zunächst unklar.

Der schnelle Sturz Ben Alis kam selbst für die Bevölkerung völlig überraschend. Widerstand gegen das Regime gab es schon lange, vor allen unter Exil-Tunesiern, aber im Land traute sich kaum jemand, laut Kritik am totalitären Regime zu äußern. Nach der Selbstverbrennung eines völlig desillusionierten arbeitslosen Hochschulabsolventen entstand aber im Dezember eine Massenbewegung, mit den nicht für möglich gehaltenen Konsequenzen. Nun ist wieder von einer «Jasminrevolution» die Rede, ein ironische Rückgriff auf einen Ausdruck, den Ben Ali bei seinem Amtsantritt verwendet hatte.