Münster (dpa) - Angesichts der politischen Unruhen in Ägypten müssen sich die westlichen Länder nach Ansicht eines Experten Farbe bekennen und sich stärker für Demokratie in dem Land einsetzen.

Eine tragende Rolle beim Neuanfang könnte der zurückgekehrte Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed el Baradei, spielen, meint Thomas Bauer, Professor am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Universität Münster. Im dpa-Interview erklärt der Ägypten-Fachmann vom Exzellenzcluster «Religion und Politik», wer in dem Konflikt in den nächsten Wochen sonst an Einfluss gewinnen könnte.

Wie beurteilen Sie den Umgang des Westens mit den Konflikten in Ägypten?

Bauer: «Wegen seiner engen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Land hat der Westen über Menschenrechtsverstöße in Ägypten lange hinweggesehen. Jetzt muss er beweisen, ob die Bedenken gegen die Regierung ehrlich oder nur bloße Lippenbekenntnisse sind. Das könnte zum Beispiel geschehen, indem man die Opposition unterstützt. In der Vergangenheit hat der Westen eine Furcht vor Islamisten geschürt, die unbegründet ist. Vor der Opposition, den Muslimbrüdern in Ägypten, muss man sich nicht fürchten. Sie sind gemäßigt und demokratisch.»

Warum spielen die Muslimbrüder denn bei den Protesten bisher keine große Rolle?

Bauer: «Weil es bei dem Konflikt gerade nicht um Parteien oder Ideologien geht, sondern allgemeiner um soziale Gerechtigkeit und die primären Freiheiten. Die Muslimbrüder melden sich zwar zu Wort, aber die Bevölkerung will jetzt erst einmal das alte System loswerden. An einer neuen Regierung würden die Muslimbrüder sicherlich mitwirken. Sie sind aber nicht in den Jugendnetzwerken, die über Facebook und Twitter Demonstrationen organisieren, sondern nutzen eher die konventionellen Medien, um Position zu beziehen.»

Welche Gruppen könnten in dem Konflikt in nächster Zeit noch an Gewicht gewinnen?