Kairo (dpa) - Die politische Revolte in Ägypten droht in Anarchie umzuschlagen. Plünderer, Brandstifter und Räuber terrorisieren die Bevölkerung in vielen Landesteilen.

Im Zentrum von Kairo versammelten sich am Sonntag, dem sechsten Tag der Proteste, wieder mehrere zehntausend Menschen mit der Forderung nach einem Regimewechsel. Bei den Unruhen starben bislang 150 Menschen. Bundeskanzlerin Angela Merkel drang in einem Telefongespräch mit Mubarak auf eine friedliche Lösung des Konflikts.

Der seit drei Jahrzehnten regierenden Präsidenten Husni Mubarak versuchte vergeblich, mit Medienzensur, einer Ansprache und einer neuen Führungsriege die Massenproteste gegen ihn zu stoppen. Die Polizei, die Plünderern und Banden weitgehend das Feld überlassen hatte, soll laut ägyptischen Staatsmedien an diesem Montag wieder Präsenz zeigen. Aus Gefängnissen waren am Wochenende tausende Insassen mit Hilfe von außen ausgebrochen, darunter Schwerverbrecher und islamistische Extremisten.

Mubarak versprach in einer Ansprache «neue Schritte hin zu mehr Demokratie» und eine Verbesserung des Lebensstandards. Am Samstag ernannte er Geheimdienstchef Omar Suleiman zu seinem Stellvertreter. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz, die sich am Sonntag auch von demonstrativ tief fliegenden Kampfjets und Hubschraubern nicht beeindrucken ließen, forderten lautstark «Wandel, Freiheit und soziale Gerechtigkeit».

Der Hoffnungsträger der ägyptischen Opposition, Mohammed el Baradei, widersetzte sich dem Hausarrest. Er schloss sich den Demonstranten an und bekräftigte seinen Führungsanspruch . «Ich habe den Auftrag von den politischen Kräften erhalten, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden», sagte der Friedensnobelpreisträger, der zusammen mit Führern der Muslimbruderschaft auf den Tahrir-Platz gekommen war.

Das Militär löste vielerorts die Polizei ab, die mit den Massenprotesten überfordert und brutal gegen Demonstranten vorgegangen war. In den Großstädten war die Polizei nach Augenzeugenberichten weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Soldaten sicherten Regierungsgebäude in großen Städten. Am Sonntag rückte die Armee auch in Teile der Touristenregion Scharm el Scheich am Roten Meer ein.

Die Ankündigung, dass die Polizei am Montag wieder im Dienst sein soll, bestätigte den Verdacht, dass das Chaos der vergangenen zwei Tage vom Regime bewusst verursacht worden war. Außer Schwerkriminellen, geflohenen Häftlingen und armen Leuten, die einfach die Gunst der Stunde zum Stehlen nutzten, waren auch Polizisten unter den Plünderern. Bürgerwehren fassten Plünderer, die Polizeiausweise bei sich trugen.