München (dpa) - Eine wirkliche Überraschung war es nicht, als der Popstar Ricky Martin vor rund einem Jahr auf seiner Internetseite folgenden Satz schrieb: «Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass ich ein glücklicher homosexueller Mann bin.»

In der Gerüchteküche hatte es schon immer heftig gebrodelt. Und spätestens nachdem der heute 39-Jährige im Jahr 2008 Zwillinge von einer Leihmutter hatte austragen lassen, zweifelte kaum noch jemand an seiner Homosexualität. Für Aufsehen sorgte die Nachricht dennoch. Denn mit einer solchen Offenheit hatte niemand mehr gerechnet.

In seiner Biografie «Ich», die in diesen Tagen in deutscher Sprache erscheint, erklärt Ricky Martin, warum er sich mit seinem Coming Out so lange Zeit gelassen hat. Seit seinem großen Durchbruch mit dem Hit «Livin' La Vida Loca» war da schließlich schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen, in dem Spekulationen über seine Sexualität zum ständigen Begleiter seiner kometenhaften Karriere wurden. «Ich» erzählt eine Coming Out-Geschichte, die so eigentlich kaum noch zu erwarten gewesen wäre - am wenigstens im Showgeschäft von heute, in dem das Thema Homosexualität kaum noch der Rede Wert zu sein scheint.

In seinem Buch erzählt Martin von seinem konservativen Großvater, einem Romantiker und großen Macho, von seiner geliebten, klugen Großmutter, von seiner Zeit als jüngstes Mitglied der unglaublich erfolgreichen Boygroup Menudo, vom zeitweise schwierigen Verhältnis zu seinem Vater und dem immer noch schwierigen Verhältnis zur katholischen Kirche. Auch an seinem «Ersten Mal» lässt Ricky Martin seine Leser teilhaben - das hatte er mit einem Mädchen. «Ich wusste, dass ich meine Pflicht erfüllen musste», schreibt er. Als Mann und erst recht als umschwärmtes Mitglied einer Boygroup sagte man einfach nicht nein zu einer schönen Frau.

Danach folgten einige glückliche, leidenschaftliche Beziehungen mit Frauen und sogar eine Zeit, in der Martin sich selbst als «Frauenheld» beschreibt. Aber auch Erfahrungen mit Männern machte er schon früh. Seine erste große Liebe brach ihm das Herz.

Akzeptieren konnte er seine Gefühle trotzdem lange nicht. «Als ich meine Homosexualität entdeckte, war ich so entsetzt», schreibt Martin. «Wir waren von unserer Kultur her darauf gepolt, dass Liebe und Anziehung zwischen zwei Männern eine Sünde war. Aus Angst verdrängte ich deshalb meine Neigungen, anstatt zu ihnen zu stehen.»

Die Anerkennung seiner Homosexualität sei ein «schleichender Prozess» gewesen, an dessen Ende folgende Erkenntnis stand: «Ich beschloss, der Welt mitzuteilen, dass ich zu meiner Homosexualität stehe und sie als Geschenk des Lebens zelebriere.» Bis es soweit war, gab es im Leben des attraktiven Puertoricaners eine strikte Zweiteilung: Auf der Bühne oder vor der Kamera war Enrique Martín Morales - so sein bürgerliche Name - «Ricky» und sprach nicht über Privates, privat war er «Kiki» und schwul.