München/Stockholm (dpa) - Es verblüfft schon, wenn eine neue Biografie Olof Palmes zum 25. Jahrestag seiner Ermordung diesem Ereignis nur zwei von 700 Seiten widmet.

«Palme war für uns in Schweden lange der Ministerpräsident, der erschossen wurde. Jetzt tritt wieder das Leben des sozialdemokratischen Politikers Palme mehr in den Vordergrund», begründet der Biograf Henrik Berggren sein eigenwilliges Vorgehen.

Knapp und völlig unaufgeregt erzählt er am Ende des Buches, wie der international berühmteste skandinavische Politiker des 20. Jahrhunderts und seine Frau Lisbeth nach einem Kinobesuch am 28. Februar 1986 nach Hause spazierten. An der Ecke Tunnelgatan - Sveavägan begegnetem sie dem Mörder: «Wenige Meter vor den Treppen zur U-Bahn, direkt vor einer großen Farbenhandlung, tauchte hinter ihnen ein Mann auf. Er schoss zweimal. Ein Schuss traf Olof Palme in den Rücken. Der zweite streifte Lisbet Palme. Der Mörder konnte fliehen.»

Nach dem Freispruch des Kleinkriminellen Christer Pettersson in zweiter Instanz (wegen Fehler der Fahnder bei der Identifizierung des Täters) ist bis heute niemand für dieses Verbrechen verurteilt. Berggren hält den 2004 gestorbenen Pettersson, wie die meisten in Stockholm, für den Mörder. Er verwendet keine Zeile seiner Biografie auf diverse Verschwörungstheorien mit rechtsextremen heimischen Polizisten, terroristischen Kurden, oder südafrikanischen, chilenischen, israelischen sowie ex-jugoslawischen Geheimdiensten als Drahtziehern. Wahlweise mit oder ohne CIA-Hilfe.

Berggrens Neugier gilt ausschließlich Fragen aus den 59 Jahren vor dem plötzlichen und gewaltsamen Lebensende: Wie wurde dieser wortgewandte und extrem selbstbewusste Sprössling einer schwedisch-baltischen Großbürgerfamilie zur weltweit beachteten Stimme aus dem kleinen Skandinavien mit seiner sozialdemokratisch-egalitären Wohlfahrtsgesellschaft?

Palme war Regierungschef von 1969 bis 1976 und dann noch einmal von 1982 bis zum Tod. Er wurde schon fast zu einer Ikone für die Proteste gegen den US-Krieg in Vietnam durch seine Kritik an den US-Bomben auf Hanoi Weihnachten 1972. Palme verglich sie als amtierender schwedischer Regierungschef mit Verbrechen der Nazis, der Stalin-Herrschaft und des südafrikanischen Apartheid-Regimes: «Diese Bombardierungen (...) sind mit Namen verbunden: Guernica, Oradour, Babij Jar, Katyn, Lidice, Sharpeville, Treblinka.»

Vergleiche zwischen Palme und heutigen Vertretern der Politiker-Spezies drängen sich immer wieder auf. Welche westlichen Politiker würden sich heute derart «aus dem Fenster hängen»? Könnte so einer mit extrem scharfer und loser Zunge, aber auch Max Weber im Bildungsgepäck, beim heutigen Expresstempo immer neuer 20-Sekunden-Statements fürs Fernsehen Gehör finden?