Garmisch-Partenkirchen (dpa) - Ein WM-Start mit Sicht auf das eigene Haus: Als Dreijähriger düste Felix Neureuther bereits auf Skiern den Gudiberg hinab, an diesem Sonntag will er den «sehr großen Vorteil» auf «seinem» Hang nutzen.

«Weil ich von diesem Berg alles kenne, jeden Zentimeter», erklärte der 26-Jährige seinen speziellen Heim-Bonus vor dem großen WM-Finale. «Man fühlt sich extrem wohl und kennt alle Torrichter mit Vornamen.»

In zweimal knapp einer Minute finden Vorfreude, Anspannung und Vorbereitung von fünf Jahren ihren Höhepunkt - seitdem sein Heimatort Garmisch-Partenkirchen als Ausrichter der Titelkämpfe feststeht. Eigentlich mache sich ein Slalomfahrer keine Gedanken über die Flüchtigkeit dieser Momente. «Aber wenn man es sich überlegt, ist es echt krass», sagt Neureuther. «Es kann so schnell vorbei sein, es ist wirklich speziell im Slalom.»

Wie schnell, das hat der zweimalige Weltcup-Sieger bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren selbst erlebt. Im schwedischen Are schied er als Zweiter des ersten Durchgangs mit Zwischenbestzeit im Finale aus. Die Aufholjagd von Val d'Isère endete 2009 als Vierter mit 19/100 Sekunden Rückstand auf den Bronze-Rang. «Ich könnte eigentlich schon so ein Typ für Großereignisse sein, es blitzt immer so raus, aber ich hab es leider noch nie umsetzen können», sagte der Gewinner des Gudiberg-Torlaufs der vergangenen Saison.

Das Warmlaufen zum WM-Abschluss gelang nur teilweise. Nach dem Viertelfinal-Aus mit der Mannschaft, bei dem er im kurzen Parallel- Riesenslalom immerhin den späteren Teamweltmeister und Silbergewinner der Spezialentscheidung Cyprien Richard aus Frankreich schlug, kam er wegen eines groben Patzers im ersten Riesentorlauf nur auf Rang 34. «Dadurch, dass ich im zweiten Durchgang gestartet bin, kann ich wirklich da einen Haken druntersetzen und in Ruhe schlafen - weil sonst hätte ich ein solch schlechtes Gewissen», gab der Lokalmatador zu Protokoll.

Neben den diese Saison dominierenden Slalom-Künstlern Ivica Kostelic aus Kroatien und dem Franzosen Jean-Baptiste Grange hat er auch den Schweden Andre Myhrer auf der Liste seiner Hauptkonkurrenten. «Insgesamt denke ich, dass 20 Leute das Rennen gewinnen können», rechnete Neureuther vor. «An dem Tag muss, wie auch bei jedem anderen, alles passen.» Wie Grange (3 Erfolge), Sieger der Generalprobe in Schladming, Kostelic (2) und Myhrer (1) stand diesen Winter bislang auch Marcel Hirscher ganz oben auf dem Weltcup-Podest - der Österreicher fehlt jedoch verletzt. Neureuther reiste mit zwei sechsten Rängen als beste Weltcup-Platzierungen in die Heimat.

Dem «extremen Druck» als «ganz, ganz heißer Medaillenkandidat» (Teamkollege Fritz Dopfer) sieht er sich dennoch gewachsen. Auch weil die letzten intensiven Tests auf der österreichischen Reiteralm für neue Zuversicht gesorgt haben. «Letzte Woche haben wirklich alle von uns einen extrem guten Job gemacht, mein Servicemann, Trainer, Physio und so weiter», sagte der 26-Jährige. Sollte der seit einem halben Jahrzehnt gehegte Traum von Edelmetall aber doch platzen, sieht sich Neureuther auch nicht aus der Bahn geworfen. «Wenn ich Vierter werde - mein Gott, dann waren halt drei schneller», sagte er vor dem WM. «Das Leben geht danach auch weiter.»