Berlin (dpa) - Erst blockierten die Machthaber in Tunesien Facebook und Twitter, dann ging ganz Ägypten zeitweilig offline: Die Autokraten im Nahen Osten, so scheint es, haben Angst vor der unzensierten Stimme des Volkes im Internet.

Ist das Netz ein Revolte-Instrument, erleben wir gar eine «Twitter-Revolution», wie Technologie-Enthusiasten jubeln? Bei vielen Beobachtern ist die Euphorie über die Rolle der neuen Medien, die 2009 nach den Protesten im Iran aufgekommen war, längst abgeklungen.

Zusammengefasst lautet die Position der Kritiker: Das Internet ist für die Demonstranten ein hilfreiches Instrument. Keine Revolution ohne Kommunikation, ohne Aufrufe zum Protest, ohne Bilder oder Videos von prügelnden Polizisten. Doch einen Aufstand können Twitter und Facebook alleine nicht auslösen. «Das Internet wird überschätzt», sagt Evgeny Morozov von der Stanford-Universität in den USA. Der Politikwissenschaftler prägte noch 2009 den Begriff «Twitter-Revolution» - heute will er davon nichts mehr wissen.

Klar, Twitter und Facebook sind immer dabei. «In kaum einem Land der Welt wird es in Zukunft noch Proteste ohne den Einsatz sozialer Medien geben», schreibt Harald Staun in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Das sei aber angesichts des Medienwandels eine Selbstverständlichkeit. So verwundert es auch nicht, dass undemokratische Regime das Netz zensieren - oder gleich abschalten.

Gerade Twitter sei aber überschätzt worden, meint Autor Andrian Kreye in der «Süddeutschen Zeitung»: Als die Demonstranten im Sommer 2009 gegen das Mullah-Regmie auf die Straße gingen, sei nur ein Bruchteil der Iraner bei dem Kurzmeldungsdienst registriert gewesen. Das «globale Supermedium» sei weiterhin das Fernsehen - es vermittle neue Werte und neues Bewusstsein nachhaltiger als jedes andere Medium. Für viele Ägypter dürfte der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira die wichtigste Quelle sein.

Ein Motor für den Umsturz seien die Sozialen Medien ohnehin nicht, schreibt «Spiegel»-Reporter Mathieu von Rohr - stellvertretend für viele: «Nicht das Netz, nicht das Handy und nicht das Satellitenfernsehen heizten den Volkszorn an. Es waren die Verhältnisse, die die Menschen auf die Straße trieben.»

Und für Motivation sorgten nicht Tweets und Statusmeldungen, meint der Politikwissenschaftler Evgeny Morozov: «Regierungen werden nicht durch Twitter gestürzt.»