Kairo (dpa) - Nach Einbruch der Dunkelheit harrten am Freitagabend immer noch zehntausende Menschen auf dem Tahrir-Platz aus. Sie trotzten der Ausgangssperre, die ab 17.00 Uhr (16.00 Uhr MEZ) galt. Aber auch Präsident Husni Mubarak in seinem Präsidentenpalais in der eleganten Vorstadt Heliopolis harrte aus.

Den «Tag der Abreise», den die Demonstranten ausgerufen hatten, ignorierte er unter dem Schutz der gut ausgerüsteten Präsidentengarde.

Am Mittag knieten hunderte Männer am Brückenkopf der Kasr-al-Nil-Brücke nieder. Ihre Andacht verrichteten sie unter freiem Himmel, mitten auf der mit Menschen überfüllten Straße, die zum Tahrir-Platz führt. Das Mittagsgebet am Freitag ist für gläubige Muslime der wöchentliche Höhepunkt ihrer rituellen Pflichten. Nach dem Gebet wurden die Betenden von Männern mit Bärten und weißen Kappen zum Kontrollpunkt der Armee dirigiert, wo die Ankommenden schon seit Tagen auf Waffen überprüft werden.

Die Frommen schlossen sich am Freitag dem seit zehn Tagen währenden Massenprotesten gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak an. Organisiert werden sie meist von der verbotenen Muslimbruderschaft, einer stark im Volk verankerten islamistischen Bewegung. Die Muslimbrüder waren von Anfang an bei den Protesten im Zentrum Kairos dabei. Sie vermieden es aber, sich in Szene zu setzen. «Einzelne Mitglieder» würden teilnehmen, hieß es von ihrer Seite. Am Freitag waren sie erstmals in großen und starken Gruppen auf dem Platz zu sehen.

Dennoch bewahrte die Massenkundgebung jenen bunten Charakter, den sie von Anfang an hatte. Neben den Religiösen strömten junge Frauen mit offenem Haar zum Platz, Alte und Junge, Tagelöhner und Universitätsprofessoren, Muslime und Christen. Der Bauarbeiter Mohammed Ali (23) trug einen blutigen Kopfverband. Am Mittwoch hatte ihn bei den Zusammenstößen mit den Schlägertrupps des Regimes ein Stein getroffen. «Ich will Stabilität, ich will heiraten können und ich will ein annehmbares Leben führen, obwohl ich keine Beziehungen habe», lautet seine Begründung dafür, dass er seit nunmehr einer Woche täglich hierherkommt. Ohne einen Vetter in der Verwaltung oder einen Onkel mit eigener Firma bekommt in Ägypten selbst ein Bauarbeiter keinen Job.

Was die Menschen auf dem Tahrir-Platz trotz aller Unterschiede eint: Sie wollen nicht mehr so leben wie bisher. Selbst an den raren Toiletten in den nahen Moscheen und Kaffeehäusern habe niemand wie sonst gedrängelt, habe man sich ordentlich angestellt, berichtete die Soziologie-Studentin Dina al-Dassuki (26). «Wenn wir schon für die Demokratie kämpfen, dann müssen wir sie auch in solchen Dingen leben», fügte sie lächelnd hinzu.

Die Präsenz der Muslimbrüder störte die junge Frau, die ihr Haar offen trägt, nicht. Ihr sei bewusst, dass manche Beobachter im Westen die Befürchtung hegten, die religiöse Kaderorganisation könnte das Machtvakuum nach Mubarak ausnutzen und aus Ägypten einen islamischen Staat machen. «Ich halte das für ausgeschlossen», meinte sie. «Die Ägypter schütteln nicht unter großen Opfern das Joch der Despotie ab, um sich der nächsten Diktatur zu unterwerfen.»