Rom (dpa) - Seit Jahrhunderten zieht das Gesicht mit dem geheimnisvollen Lächeln Millionen Betrachter in seinen Bann - Leonardo da Vincis Meisterwerk «Mona Lisa» gilt eben als das Kunstwerk der Kunstwerke.

Magnetisch wirkt «La Gioconda», wie man in Italien sagt, allerdings seit eh und je auch auf Fachleute, die aber auch wirklich jedes Rätsel um das Frauenbild lösen und ein Raunen in der Kunstwelt auslösen möchten. Das allerjüngste Beispiel in dieser so unendlichen Geschichte ist jetzt der Italiener Silvano Vinceti.

Ein junger Schüler und Liebhaber des großen Renaissance-Genies habe für dieses vollkommene Bild Modell gestanden, schließt Vinceti aus Digitalanalysen. Absehbar war, dass diese nach einer Sensation klingende Neuigkeit nicht lange so im Raum stehen bleiben würde. Der Pariser Louvre, der die begehrte «Mona Lisa» beherbergt und im Jahr Millionen Besuchern zeigt, spricht schlichtweg von Scharlatanerie.

So vergeht kein Jahr, in dem nicht vermeintliche Neuigkeiten von der berühmten Schönen durch den Blätterwald gehen. Vielleicht sollte sie einfach einmal ganz undamenhaft die Zunge rausstrecken und somit ausdrücken: «Ihr könnte mich mal kreuzweise». Wohl in diese Richtung dachte Giorgio De Rienzo vom angesehenen «Corriere della Sera», der die Welt der Kunst und der Kunstfreunde nahezu anfleht: «Lassen wir die «Mona Lisa» in Frieden und erfreuen wir uns an ihrem Lächeln.» Um dann gleich mit der jüngsten Theorie aufzuräumen: Die sei längst von dem Kunsthistoriker und besten Leonardo-Kenner der Welt, Pietro Marani, verworfen worden. Was da herausposaunt worden sei, «das entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage», wird Marani zitiert.

Das alles will der Kulturbeamte und Autor Vinceti in dem Bild entdeckt haben: Die Buchstaben L und S in den Augen sollen auf Leonardo selbst und seinen Schüler mit dem Künstlernamen Salai verweisen. Dieser war 1490 im Alter von 16 Jahren in die Werkstatt des toskanischen Meisters eingetreten - und hat dann wohl auch ein ganz spezielles Verhältnis mit Leonardo da Vinci (1452-1519) gehabt.

Die Digitalanalysen ergaben dann angeblich auch die seltsame Zahl 72 unter der Brücke im Hintergrund und überhaupt kabbalistische Zeichen als Leonardos «künstlerisches, wissenschaftliches und esoterisches Testament». Alles Quatsch, meint dazu das Pariser Museum sinngemäß, das Werk sei vor Jahren noch einmal gründlichst untersucht worden: Es gebe keine versteckten Zahlen oder Buchstaben. Vor allem sei die «Mona Lisa» kein Mann - und Vinceti kein Experte.

Digitalanalysen, Infrarotaufnahmen, Computer-Berechnungen ergänzen inzwischen dutzendfach die herkömmlichen Werke über jene Frau, die so viele Rätsel stellt, und erweitern die Regalmeter mit Büchern über «La Gioconda». Ob sie nun einladend oder unschuldig blickt und warum praktisch jeder ihr Lächeln ganz persönlich interpretieren kann, all das ist schon abgehandelt. Spezielle Technologie ergab, dass sie trotz all dieser Belästigungen - wie seit etwa 1503 - immer noch ganz überwiegend glücklich auf die Millionen blickt, die sie im Louvre mit gebührendem Abstand bewundern dürfen. Wie lange noch wird sie diese Ruhe bewahren, gelassen die Hände übereinandergelegt?