Wien (dpa) - Ein Gongschlag im Dunkeln, lautes Herzklopfen, Stille, dann ein Schrei. Wie die Einfahrt in eine Geisterbahn beginnt die Uraufführung von Botho Strauß' neuem Stück «Das blinde Geschehen» im Burgtheater Wien. Und wirklich heißt es gleich: «Es gibt keine Schauspieler mehr. Es gibt nur noch Gespenster».

Was sich in den folgenden zwei Stunden auf der Bühne entwickelt, ist dann aber doch Schauspielertheater vom Feinsten, eine Revue der verlorenen Träume, fantasievoll, skurril, komisch und hintergründig: Ein bunter, amüsanter und in Momenten treffsicher analytischer Reigen um einen Kern, der rätselhaft bleibt.

Kurze Momente mit scharfen Dialogen porträtieren ein heutiges Paar: Freya Genetrix (Dörte Lyssewski) und John Porto (Robert Hunger-Bühler) könnten zusammen sein oder auch nicht: «Hättest du mich gewollt, wärst du mich längst los» sagt sie ganz am Anfang, und es ist diese Zerrissenheit, die sie lustvoll, schmerzvoll und schicksalhaft aneinanderkettet.

«Am besten spricht man in der Diagonale» heißt es später, und tatsächlich entwickelt sich der längste Dialog des Stücks, als die ätherisch-wandelbare Freya und der beharrlich distanzierte John im kahlen Zimmer sitzen, an gegenüberliegenden Enden, in der größtmöglichen Entfernung.

Strauß variiert sein Thema in immer neuen Szenerien und holt dafür Gestalten aus dem schillernden Variété von Leben und Kunst auf die Bühne: Revueengel und Museumsaufseher oder abgehalfterte Ballerinen und ein aus einem früheren Jahrhundert übrig gebliebener livrierter Diener. In flackernden Anspielungen geistern große Vorbilder durchs Geschehen, von Luigi Pirandellos «Riesen vom Berge» bis zu Shakespeares' «Sturm».

Alle bekommen ihr Fett ab: die Internet-Freundschaftssurfer, die Medien, die Bildungsgläubigen, selbst jene, die gar nicht existieren, die Ungeträumten, die erst noch ihr Verhältnis zu Welt und Wirklichkeit finden müssen, bevor sie Gestalt annehmen könnten. Strauß stattet sein vielfältiges Arsenal an gebrochenen Gestalten mit genügend Witz und Sarkasmus aus, um sich erfolgreich gegen ihren Untergang zu stellen.

Hausherr Matthias Hartmann als Regisseur erfindet ein Bühnenszenario, das den Zauber des Theaters beschwört und großartigen Schauspielern wie Maria Happel, Peter Matic oder Sabine Haupt starke Auftritte schafft. In raschen Bildwechseln mit wohldosierten Videotricks nimmt es die Bühne sogar mit dem Fernsehen auf. Sie behält ihren Zauber sogar noch am Schluss, als die Kulissen die Ungeträumten erdrücken und eine leere, schäbige Halle zurück bleibt.