Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versucht, die verunsicherten Bundesbürger zu beruhigen. Die Katastrophe von Fukushima vor Augen ordnet sie eine rasche Überprüfung der Sicherheitsstandards in allen 17 deutschen Meilern an.

Merkel lässt aber auch keinen Zweifel aufkommen, dass sie die friedliche Nutzung der Kernenergie - als Brückentechnologie in das Ökoenergie-Zeitalter - für akzeptabel hält. Keine Kompromisse dürfe es aber bei der Sicherheit geben. «Alles andere hat sich dem unterzuordnen.»

Kanzlerin und Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) betonen, jetzt sei nicht die Zeit, über die Frage der Laufzeiten neu nachzudenken. Doch Merkel weiß auch, angesichts der Explosion in der Atomanlage von Fukushima kann «Deutschland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen». Mit einem Schlag wird daran erinnert: Selbst die sichersten Atomanlagen der Welt sind gegen solche Gewalten nicht gefeit. Anders als bei Tschernobyl vor 25 Jahren wird diese Welt durch Live-Bilder Zeuge der Katastrophe vom 11. und 12. März 2011.

Der langjährige Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, Wolfgang Renneberg, fordert Merkel auf, keine Beruhigungspillen an die Bevölkerung zu verteilen. Und der Greenpeace-Atomexperte Tobias Riedl kritisierte: «Die Regierung Merkel hat die Laufzeiten für Altreaktoren ohne jegliche Nachrüstungen um acht Jahre verlängert, obwohl Sicherheitsmängel bekannt waren.» Eine «vollständige Überprüfung» könne im Grunde nur dazu führen, die besonders gefährlichen Uraltmeiler wie Krümmel, Biblis A, oder Neckarwestheim 1 sofort vom Netz zu nehmen.»

Diese Überprüfung könnte teuer werden. Im Vertrag zwischen Regierung und Atomindustrie wurde Folgendes vereinbart: Wenn Nachrüstkosten 500 Millionen Euro pro Atomkraftwerk überschreiten, wird die darüber hinausgehende Summe von den vereinbarten Zahlungen der Konzerne in einen Fonds zum Ausbau der Ökoenergien abgezogen. Wenn dann Geld fehlt, wird notfalls der Bürger über Steuern zur Kasse gebeten. Nach Worten des Grünen-Fraktionschefs Jürgen Trittin ist eine technisch Nachrüstung, wenn überhaupt machbar, dann unbezahlbar.

An dieser Stelle kommt Schwarz-Gelb dann auch nicht mehr an dem Thema Laufzeitverlängerung vorbei. Kernenergieexperten halten Betriebszeiten von rund 30 Jahren für vertretbar. Der japanische Unglücksreaktor war 40 Jahre am Netz und sollte noch in diesem Monat abgeschaltet werden. Einige der länger laufenden deutschen Atomkraftwerke würden letztlich fast 50 Jahre in Betrieb sein. So soll das besonders in der Kritik stehende Akw Neckarwestheim I, das 1976 ans Netz ging, bis 2019 laufen. Mit 50 Jahren (1983 bis 2033) sollte ausgerechnet der Pannenreaktor in Krümmel, eine der längsten Betriebszeiten erhalten.

Angesichts des Leides der Menschen in Japan verbot sich für die Opposition, sofort heftige Attacken gegen die Atompolitik und die Laufzeitverlängerung von Schwarz-Gelb zu führen. Doch am Sonntag, drei Tage nach Beginn der Katastrophe, gab es kein Halten mehr. SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte das sofortige Abschalten der ältestens Meiler und die Rücknahme der Laufzeitverlängerung, die Union und FDP im Herbst mit der Atomindustrie um durchschnittlich zwölf Jahre vereinbart hatten.