Berlin (dpa) - Gegen heftige Proteste hatte die Regierung die Atomlaufzeiten im Herbst verlängert. Auf grausame Weise gibt die Katastrophe in Japan den Kritikern nun Recht. Merkel dürfte den Deal mit der Atomlobby inzwischen bereuen. Vor den Landtagswahlen schwenkt sie jetzt um.

Als «Revolution» hatte die Kanzlerin im Herbst das Energiekonzept ihrer Koalition gefeiert. Der deutsche Mix aus Kohle, Gas, erneuerbaren Energien und Atomkraft mit längeren Laufzeiten teils bis 2040 werde der «effizienteste» und «umweltverträglichste» der Welt sein, lobte Angela Merkel (CDU) den Beschluss damals mit Superlativen. Zehntausende Menschen protestierten gegen den schwarz-gelben Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg. Die Anti-Atomkraftbewegung und die Angst vor der Unbeherrschbarkeit dieser Energie lebten wieder auf. Dass aber ein Super-GAU die Regierung eines Besseren belehren könnte, wünschte sich kein Kritiker.

Nun zeichnet sich genau dieser Horror ab. In Japan hat das schwere Erdbeben die Atomkraftwerke trotz aller Schutzvorkehrungen empfindlich erschüttert. Im Meiler Fukushima Eins drohte am Montag eine Kernschmelze in drei Reaktoren. Durch Stromausfall fiel die zwingend nötige Kühlung der Brennstäbe aus. Der größte anzunehmende Unfall ereignet sich vor den Augen der Welt - und bewegte Merkel zum Umdenken. Sie setzte die Verlängerung der Atomlaufzeiten aus - für drei Monate. Was das genau bedeutet, blieb zunächst unklar.

Merkel sagte in einer kurzfristig mit Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) angesetzten Pressekonferenz im Kanzleramt: «Unser Energiekonzept hatte eine innere Logik gehabt (...) Ich kann heute nicht genau sagen, was genau geändert wird.» Das dreimonatige Moratorium ist aber nicht eingeführt worden, um alles so zu lassen wie es ist.» Dann sagte sie noch auf die Frage, ob denn jetzt jene alten Atomkraftwerke abgeschaltet würden, die nur durch die Laufzeitverlängerung am Netz bleiben konnten: «Das wäre die Konsequenz, sonst wäre es ja kein Moratorium.»

Das betrifft die Meiler, deren Reststrommengen nach rot-grünem Willen 2011 eigentlich verbraucht gewesen wären: Biblis A in Hessen und Neckarwestheim I in Baden-Württemberg. Merkels Gegner glauben, ein wichtiger Grund für ihre nukleare Notbremse seien die bevorstehenden Landtagswahlen am 20. März in Sachsen-Anhalt und am 27. März in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Im Südwesten war der Protest gegen die Atomenergie und speziell gegen das AKW Neckarwestheim I am Wochenende unerwartet groß. Der Meiler ging 1976 ans Netz und sollte nach der schwarz-gelben Atompolitik eigentlich bis 2019 laufen.

Am Sonntag hatte Merkel in der ARD noch gesagt: «Die deutschen Kernkraftwerke sind nach Maßgabe dessen, was wir wissen, sicher.» Ansonsten müsste sie ja wegen ihres Amtseides die Kernkraftwerke sofort abschalten lassen. Westerwelle sagte am Montag: «Wenn Defizite sind, müssen diese Kraftwerke nicht irgendwann, sondern jetzt nachgerüstet werden und können nicht länger betrieben werden.»

Das Bundesumweltministerium erklärte, die Fragen nach der Sicherheit stellten sich im Lichte der dramatischen Entwicklung durch das Erdbeben in Japan ganz neu. Das bestreiten die Atomkraftgegner. Sie sagen, die Sicherheitsgefahren seien seit vielen, vielen Jahren allen Beteiligten sonnenklar. Und auch Koalitionsmitglieder wissen, dass die Gefahren nicht nur durch Erdbeben bestehen, die Deutschland vergleichsweise selten und harmlos heimsuchen. Die Risiken bestehen auch durch Stromausfälle oder Terroranschläge entweder auf die Kraftwerke selbst oder auf die Computersteuerung der Stromversorgung.