Tübingen/Tokio (dpa) - Trotz immer neuer Horror-Nachrichten und schrecklicher Bilder wirken viele Japaner auf Fernsehbildern geradezu gefasst. Ist ihre Geisteshaltung wirklich so anders?

Und wo liegt der Unterschied im Umgang mit der Atomkraft? Der renommierte Japanologe Klaus Antoni in Tübingen gibt im dpa-Interview einige Antworten:

Herr Prof. Dr. Antoni, wenn man sich vorstellt, wie die Deutschen bei ähnlichen Ereignissen wie jetzt in Japan reagieren würden, packt einen die Angst. Japaner wirken dagegen fast cool. Nur ein Vorurteil?

Antoni: «Bei der Frage nach Mentalitätsunterschieden zwischen Japan und Deutschland lauern Klischees, die schnell differenzierte Hintergründe verschleiern können. Tatsache ist, dass die japanische Gesellschaft seit Jahrhunderten Erfahrung mit der Gefahr von Naturkatastrophen sammeln konnte und musste. Daraus hat sich eine eher pragmatische Gelassenheit entwickelt, die andernorts erstaunt.»

Sind Japaner denn nur äußerlich gelassen?

Antoni: «Auch wenn bereits in Schulen eingeübt wird, bei Erdbeben Ruhe zu bewahren und Rücksicht zu nehmen, bedeutet das keineswegs, dass Japaner grundsätzlich Gefahren gleichgültig gegenüberstehen. Man ist nur darauf konditioniert, sich auch in der Not diszipliniert und auf gar keinen Fall egoistisch zu verhalten. Es gibt ausgeprägte Normen, die das Wohl des Einzelnen hinter das der Gruppe stellen, nach wie vor.»

Ausgerechnet dort, wo 1945 die Atombomben fielen, wird auf Nuklearenergie gesetzt. Vielen Deutschen kommt das absurd vor. Gibt es denn gar keine Anti-Atom-Bewegung in Japan?