Berlin (dpa) - Bei Nick Urata und seiner Band Devotchka spürt man sofort, dass hier begeisterte Cineasten am Werk sind. Nicht nur die Melodien auf ihrem fünften Album «100 Lovers» (ANTI-/Indigo) liefern großformatige Bilder fürs Kopfkino.

Plattencover und Booklet mit ihren Film-Referenzen lassen den Eindruck eines Gesamtkunstwerks entstehen. Und genauso ist es wohl auch gemeint.

Aber zurück zur Musik des Quartetts aus Denver/Colorado - die ist nämlich spannend und vielfältig genug. Und gar nicht so leicht zu beschreiben. Grundlage ist ein weltumspannender Begriff von Folk, mit Abstechern auf den Balkan oder nach Süd- und Lateinamerika. Das Ganze wird mit reichlich Punk-Energie und Soundtrack-Zitaten abgeschmeckt, der angesagte Indie-Rock à la Arcade Fire oder Calexico rundet den Stil-Eintopf ab.

Die exotische Inszenierung der zehn Songs mit üppigen Streichern und Bläsern, Bandoneon, Sousaphon, Theremin und rasselnder Percussion (der großartige Mauro Refosco aus der Band von David Byrne!) hebt «100 Lovers» weit aus der Masse ähnlicher Alben heraus. Dass Uratas dramatische Schmachtstimme der von Arcade-Fire-Frontmann Win Butler nicht unähnlich ist, dürfte auch kein Nachteil sein.

Der Opener «The Alley» beginnt mit einem walzerähnlichen Orchester-Loop und zarten Piano-Tupfern, ehe wuchtige Drum-Rolls den Song vorantreiben, bis er mit einer Art Spieluhrenmelodie sanft ausklingt. Meisterlich! «All The Sand In All The Sea» jagt mit viel Streicher-Grandezza atemlos dahin. Der supermelodische Fast-Titelsong «100 Other Lovers» lässt es etwas ruhiger angehen, bevor «The Common Good» orientalische Harmonien einführt.

Spätestens jetzt sollte man drin sein in dem grandiosen Film für die Ohren, den Devotchka hier arrangiert haben. Ein Blick auf die Geschichte der seit rund zehn Jahren aktiven Band zeigt, dass die epischen Qualitäten ihrer Musik tatsächlich schon längst in der Kinobranche aufgefallen sind. So tauchten einige ihrer Stücke im Soundtrack zum Independent-Kinohit «Little Miss Sunshine» auf.

Vom neuen Album bietet sich der Pfeifkonzert-Song «Exhaustible» zur Untermalung von Filmszenen besonders an. «Bad Luck Heels» und «Contrabando» mit knackigen Mariachi-Bläsern sowie die abschließenden Tracks «Ruthless» und «Sunshine» hätten auch auf Calexico-Platten eine gute Figur gemacht.