Sendai (dpa) - Vor dem Trinkwassertank stehen lange Reihen von Japanern mit Plastikkanistern und Körben mit leeren Flaschen. Es ist bitterkalt, eine Frau zieht sich eine Wolldecke über den Kopf.

Plötzlich tritt ein Helfer an der Wasserausgabe vor die Menge und verbeugt sich: «Bitte entschuldigen Sie, aber der Tank ist leer. Bitte haben Sie etwas Geduld.» Niemand murrt, geduldig bleiben die Menschen stehen. Die Japaner bewahren selbst in der Not Höflichkeit und Umgangsformen. Im Hintergrund läuft ein Fernseher mit Bildern der gefährlich beschädigten Reaktoren im nahen AKW Fukushima. Doch bis auf ein kleines Kind schaut niemand zu. Helfer tragen Decken und Kartons mit Lebensmitteln an dem Fernseher vorbei.

Es ist früh am Morgen. So wie hier in einer Notunterkunft im Rathaus der Stadt Tome nördlich von Sendai sind die Menschen vielerorts darum bemüht, die eisigen Temperaturen und die angespannte Versorgungslage zu überstehen. Die Kälte lässt selbst die Schläuche der Trinkwassertanks gefrieren. «Wir haben heute den letzten Ofen befeuert, damit haben wir jetzt kein Heizöl mehr», erzählt ein älterer Mann am Donnerstag einem japanischen Fernsehteam in einer Notunterkunft in Sendai.

Auch an den wenigen noch offenen Tankstellen gehen die Vorräte aus. An der Innenseite der Fenster einer Schule in Sendai, hinter denen Flüchtlinge in Wolldecken gewickelt am Boden liegen, hat sich über Nacht Eis gebildet.

Besonders hart ist es für die vielen alten Menschen unter den Opfern. «Ich kann nicht gehen, mein ganzer Körper tut mir weh», klagt eine alte Frau. Sie wäre dankbar für ein bischen Reis. «Ich habe nicht gut geschlafen, obwohl ich mich in zwei, drei Decken gewickelt habe», erzählt ein alter Mann.

Viele Menschen stehen in den langen Reihen vor den Essensverteilstellen und versuchen sich, gegen den herabfallenden Schnee zu schützen. Hinzu kommt die hygienische Situation, wegen der kaputten Wasserleitungen sind die Toiletten verstopft. Kinder bekommen Durchfall. «Hygiene» steht ganz oben auf der Liste von Bewohnern eines Notlagers, die vom japanischen Fernsehsender NHK nach ihren dringendsten Wünschen gefragt wurden.

14 Senioren, die aus Angst vor radioaktiver Verstrahlung von einem Krankenhaus in der Katastrophenprovinz Fukushima in Notlager gebracht wurden, überlebten die Verlegung nicht, wie die örtlichen Behörden am Donnerstag mitteilten. Zwei starben noch auf dem Weg in ein Lager im Bus.